Fort­schritt neu denken

Vom Immer-mehr zur Nachhaltigkeit

Über vie­le Jahr­zehn­te war Fort­schritt ein nahe­zu unan­ge­foch­te­nes Ver­spre­chen: mehr Tech­nik, mehr Wohl­stand, mehr Geschwin­dig­keit. In den Nach­kriegs­jah­ren bedeu­te­te Fort­schritt die Wasch­ma­schi­ne, das Auto­mo­bil, der Fern­se­her – Sym­bo­le einer moder­nen Gesell­schaft. Wer an neue Tech­no­lo­gien glaub­te, blick­te opti­mis­tisch in die Zukunft.

Die­se Fort­schritts­gläu­big­keit hat­te jedoch blin­de Fle­cken. Denn nicht alles, was unser Leben erleich­ter­te, war lang­fris­tig von Vor­teil. Das stän­di­ge „Immer-mehr“ führ­te zu stei­gen­den Emis­sio­nen, Res­sour­cen­ver­brauch und Abhän­gig­kei­ten von fos­si­len Ener­gien. Die Schat­ten­sei­ten wur­den lan­ge ver­drängt. Erst im Anthro­po­zän – der Epo­che, in der der Mensch zum ent­schei­den­den Ein­fluss­fak­tor auf das Erd­sys­tem gewor­den ist – erken­nen wir die Gren­zen eines Fort­schritts­be­griffs, der Quan­ti­tät mit Qua­li­tät verwechselte.

Ambi­va­lenz neu­er Technologien

Tech­no­lo­gien sind nie ein­deu­tig „gut“ oder „schlecht“. Sie eröff­nen Chan­cen, ber­gen aber auch Risi­ken. Die Geschich­te der Ener­gie­ver­sor­gung zeigt dies exem­pla­risch. Groß­kraft­wer­ke gal­ten in den 1960er Jah­ren als Sym­bo­le des Auf­bruchs. Heu­te wis­sen wir: Sie haben zwar für Ver­sor­gungs­si­cher­heit gesorgt, zugleich aber Emis­sio­nen und Abhän­gig­kei­ten verstärkt.

Die Ener­gie­wen­de mar­kiert hier einen Para­dig­men­wech­sel. Erneu­er­ba­re Ener­gien sind nicht nur kli­ma­freund­lich, son­dern auch dezen­tral ver­füg­bar und volks­wirt­schaft­lich vor­teil­haft. Jede Kilo­watt­stun­de Strom aus Wind oder Son­ne ver­mei­det fos­si­le Impor­te, die uns Mil­li­ar­den kos­ten wür­den. Doch auch die­se Tech­no­lo­gien sind nicht ohne Her­aus­for­de­run­gen: Flä­chen­kon­flik­te, unglei­che Inves­ti­ti­ons­mög­lich­kei­ten und man­geln­de Betei­li­gung kön­nen neue Unge­rech­tig­kei­ten schaffen. 

Ähn­lich ambi­va­lent ist die Digi­ta­li­sie­rung. Sie erleich­tert Kom­mu­ni­ka­ti­on, Bil­dung, medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung – erhöht aber auch den Ener­gie­be­darf und wirft Fra­gen nach Kon­trol­le und Pri­vat­sphä­re auf. Ent­schei­dend ist daher nicht die Tech­nik selbst, son­dern der gesell­schaft­li­che Rah­men, in dem sie ein­ge­setzt wird.

Fort­schritt und sozia­le Gerechtigkeit

Tech­no­lo­gi­scher Wan­del ist nie neu­tral. Er ver­grö­ßert bestehen­de Unter­schie­de – oder er öff­net Räu­me für Teil­ha­be. Die Elek­tri­fi­zie­rung im 19. Jahr­hun­dert begann in Fabri­ken und groß­bür­ger­li­chen Haus­hal­ten. Erst mit mas­si­ven Inves­ti­tio­nen wur­de sie zum All­ge­mein­gut. Auch das Auto war zunächst Luxus, bevor es durch Infra­struk­tur­po­li­tik zum Mas­sen­ver­kehrs­mit­tel wurde.

Heu­te stellt sich die­sel­be Fra­ge bei der Ener­gie­wen­de: Trägt sie zu mehr Gerech­tig­keit bei – oder ver­schärft sie Ungleich­hei­ten? Höhe­re Strom­prei­se tref­fen Haus­hal­te mit nied­ri­gem Ein­kom­men beson­ders. Zugleich ent­ste­hen Chan­cen: Bür­ger­en­er­gie­ge­nos­sen­schaf­ten, Mie­ter­strom­pro­jek­te und kom­mu­na­le Betei­li­gun­gen ermög­li­chen Teil­ha­be und regio­na­le Wertschöpfung. 

Fort­schritt wird also erst dann zu einem Fort­schritt für alle, wenn er aktiv gerecht gestal­tet wird. Ohne poli­ti­schen Aus­gleich droht eine Spal­tung: Gewin­ner der Trans­for­ma­ti­on auf der einen Sei­te, Belas­te­te auf der ande­ren. Mit klu­gen Instru­men­ten – von sozia­ler Staf­fe­lung der Strom­prei­se bis hin zu geziel­ter För­de­rung erneu­er­ba­rer Bür­ger­pro­jek­te – kann Fort­schritt dage­gen eine Quel­le neu­er Soli­da­ri­tät werden.

Rah­men­be­din­gun­gen für ech­ten Fortschritt

Damit Tech­no­lo­gien dem Gemein­wohl die­nen, braucht es ver­läss­li­che Regeln. Märk­te allein füh­ren nicht auto­ma­tisch zu Nach­hal­tig­keit. Eine wirk­sa­me CO2-Beprei­sung, ver­läss­li­che Inves­ti­tio­nen in Infra­struk­tur, För­de­rung von Suf­fi­zi­enz­stra­te­gien und kla­re Stan­dards sind notwendig. 

Eben­so wich­tig ist Par­ti­zi­pa­ti­on. Fort­schritt gelingt nicht, wenn er „von oben“ ver­ord­net wird. Men­schen wol­len mit­re­den, mit­ge­stal­ten, pro­fi­tie­ren. Wind­parks, an denen Bür­ge­rin­nen und Bür­ger betei­ligt sind, sto­ßen auf deut­lich mehr Zustim­mung als Pro­jek­te, bei denen Ren­di­ten allein an Groß­in­ves­to­ren flie­ßen. Demo­kra­tisch ein­ge­bet­te­ter Fort­schritt schafft Akzep­tanz – und damit Stabilität.

Tech­no­lo­gie als Zukunftsvision

Gegen­wär­tig domi­niert in vie­len Debat­ten Skep­sis. Wind­kraft­an­la­gen gel­ten als Stö­rung, Elek­tro­au­tos als unprak­tisch, Wär­me­pum­pen als teu­er. Die­se Beden­ken sind nach­voll­zieh­bar – sie ent­ste­hen, wenn Ver­än­de­run­gen als Belas­tung emp­fun­den wer­den. Doch sie las­sen sich über­win­den, wenn der Nut­zen sicht­bar wird. 

Wer mit eige­nem Solar­strom Ener­gie­kos­ten spart, erlebt die Ener­gie­wen­de als Gewinn. Wer in einer lei­sen, sau­be­ren Stadt lebt, ver­steht E‑Mobilität als Ver­bes­se­rung. Tech­no­lo­gie kann so erneut zum Zukunfts­ver­spre­chen wer­den – aller­dings nicht als Selbst­zweck, son­dern als Bau­stein einer lebens­wer­ten, gerech­ten Gesellschaft. 

His­to­ri­sche Bei­spie­le zei­gen, wie stark Bil­der und Erzäh­lun­gen wir­ken: Die Eisen­bahn war mehr als nur ein Ver­kehrs­mit­tel, sie stand für Frei­heit und Mobi­li­tät. Elek­tri­zi­tät war mehr als Strom – sie sym­bo­li­sier­te Moder­ni­tät. Heu­te kann die Ener­gie­wen­de genau das leis­ten: zum Sym­bol einer nach­hal­ti­gen, gerech­ten Zukunft werden.

Rück­blick und Ausblick

Die Geschich­te des Fort­schritts ist eine Geschich­te der Ambi­va­lenz. Er hat Lebens­be­din­gun­gen ver­bes­sert, zugleich aber neue Risi­ken geschaf­fen. Ent­schei­dend war immer, ob Poli­tik und Gesell­schaft den Wan­del gestal­te­ten oder ihm hin­ter­her­lie­fen. Heu­te ste­hen wir vor einer glo­ba­len Schlüs­sel­auf­ga­be. Kli­ma­wan­del, Res­sour­cen­knapp­heit und Bio­di­ver­si­täts­ver­lust machen deut­lich: Ein „Wei­ter so“ ist unmög­lich. Doch wir haben die Chan­ce, den Begriff Fort­schritt neu zu fül­len – nicht als blin­des Wachs­tum, son­dern als Ver­bin­dung von Tech­no­lo­gie, Gerech­tig­keit und Nachhaltigkeit. 

Dann wird Fort­schritt wie­der zu dem, was er sein soll­te: ein Ver­spre­chen auf eine bes­se­re Zukunft – nicht nur für eini­ge, son­dern für alle.

Clau­dia Kemfert

Claudia Kemfert ist Energieökonomin am DIW Berlin und Professorin für Energiewirtschaft und Energiepolitik an der Leuphana Universität Leipzig.