Ver­brann­te Zeit

Koh­le zwi­schen Erd­ge­schich­te und Industriezeitalter

Stein­koh­le ist mehr als nur ein Ener­gie­trä­ger: Sie ist mate­ria­li­sier­te Zeit – Zeit nicht im Maß­stab von Tagen oder Jah­ren, son­dern von Jahr­mil­lio­nen. Stein­koh­le ent­stand vor allem im Kar­bon, einer erd­ge­schicht­li­chen Peri­ode, die vor etwa 355 Mil­lio­nen Jah­ren begann und vor rund 290 Mil­lio­nen Jah­ren ende­te. Das damals herr­schen­de feucht­war­me Kli­ma för­der­te ein üppi­ges Pflan­zen­wachs­tum. Wäl­der und Sumpf­land­schaf­ten mit gigan­ti­schen Schach­tel­hal­men, bis zu 40 Meter hohe Schup­pen­bäu­me und rie­si­ge Far­ne bedeck­ten wei­te Land­stri­che. Im Ver­lauf von vie­len Mil­lio­nen von Jah­ren ver­wan­del­te sich abge­stor­be­nes Pflan­zen­ma­te­ri­al unter hohem Druck, Wär­me und Sau­er­stoff­ab­schluss all­mäh­lich in koh­len­stoff­rei­ches Gestein. Aus einem grü­nen Wald ent­stand durch den Pro­zess der Inkoh­lung ein unter­ir­di­scher, schwar­zer Energiespeicher.

Vom Kar­bon ins Kraftwerk

Seit der Indus­tria­li­sie­rung för­dert der Mensch den stein­ge­wor­de­nen, prä­his­to­ri­schen Wald im gro­ßen Maß­stab zuta­ge und nutzt ihn als fos­si­len Brenn­stoff. Koh­le, das „schwar­ze Gold“, trieb die Dampf­ma­schi­nen in den Berg­wer­ken und spä­ter in der Tex­til­in­dus­trie an, beheiz­te Stahl­wer­ke und ermög­lich­te Eisen­bah­nen, Fabri­ken und Städ­te­wachs­tum – eben­so geo­po­li­ti­sche Expan­si­ons­zü­ge. Koh­le mar­kiert den Beginn der glo­ba­len Aus­brei­tung wirt­schaft­li­cher und poli­ti­scher Macht. Sie wur­de zur Grund­la­ge einer als fort­schritt­lich ange­se­he­nen Lebensweise. 

Inner­halb weni­ger Jahr­hun­der­te wur­de durch Ver­bren­nung eine enor­me Ener­gie­men­ge frei­ge­setzt, die sich im Lau­fe von Jahr­mil­lio­nen im Erd­reich ange­rei­chert hat­te – in tie­fen­zeit­li­chen, geo­lo­gi­schen Pro­zes­sen, weit außer­halb der mensch­li­chen Geschichtsschreibung.

In der Nut­zung fos­si­ler Roh­stof­fe über­la­gern sich his­to­ri­sche und geo­lo­gi­sche Zeit­ska­len auf ein­zig­ar­ti­ge Wei­se. Die extre­me Ver­dich­tung von Zeit ist cha­rak­te­ris­tisch für das fos­si­le Zeit­al­ter. Koh­le, ein Mate­ri­al aus tiefs­ter Erd­ver­gan­gen­heit, wird in der jün­ge­ren Geschich­te in Mas­sen abge­baut, ver­feu­ert und in indus­tri­el­le, öko­no­mi­sche und sozia­le Trans­for­ma­tio­nen über­setzt – mit weit­rei­chen­den Fol­gen für die Lebens­be­din­gun­gen auf dem Planeten.

Koh­le als Treib­stoff für Fort­schritt und Zerstörung

Die Gegen­warts­fi­xie­rung unse­rer Zeit ver­schiebt die Ver­ant­wor­tung für die Fol­gen der Nut­zung fos­si­ler Ener­gie­trä­ger ins Mor­gen: Der Abbau und die Ver­bren­nung füh­ren zu Ver­schmut­zung und Zer­stö­rung und beein­träch­ti­gen den natür­li­chen Koh­len­stoff­kreis­lauf. Die frei­ge­setz­ten Treib­haus­ga­se über­for­dern die Auf­nah­me­ka­pa­zi­tä­ten natür­li­cher Sen­ken: Wäl­der, Ozea­ne und Böden kom­men nicht mehr hin­ter­her. Das emp­find­li­che Gleich­ge­wicht kippt: mit Fol­gen für Kli­ma, Bio­di­ver­si­tät, Boden­qua­li­tät, Was­ser­haus­halt und mensch­li­che Gesund­heit. Das Koh­le­stück – einst Treib­stoff des Fort­schritts – wird so auch zum Sym­bol der Zerstörung.

Jus­ti­ne Czerniak

Justine Czerniak leitet den Sammlungsbereich Bauen und Wohnen mit dem Schwerpunkt Haushaltstechnik, kuratiert technik- und kulturhistorische Ausstellungen und steht dem Gremium „Sammlungs- und Ausstellungswerkstatt“ vor. Ein zentrales Interesse ihrer Arbeit liegt in der technikhistorischen Auseinandersetzung mit dem Anthropozän.