Unsere Stadt der Zukunft
Schon heute leben 90 Prozent der Kinder in Deutschland in urbanen Gebieten. Bei der Planung zukünftiger Städte müssen die Stimmen der jungen Generation einfließen. Die Sonderausstellung „SuperCity3000. Unsere Stadt der Zukunft“ widmet sich dem Thema Stadtplanung aus der Perspektive von Kindern. Ausgehend von deren innovativen Ideen lädt sie die Besuchenden ein, die Zukunftsstadt weiterzuentwickeln.

Die Mehrheit der Weltbevölkerung lebt in Städten. Hier werden Bedürfnisse und Interessen unterschiedlicher Menschen auf engstem Raum ausgehandelt: Wer bekommt wie viel Platz? Welche Räume sind für alle zugänglich und wie sind sie gestaltet? Wie kommen wir von A nach B? Wo können wir spielen oder arbeiten? Die Ausgestaltung des urbanen Raums prägt die Menschen nachhaltig und wirkt sich auf alle Lebensbereiche aus. Bei der Planung zukünftiger Städte ist es daher elementar, die Wünsche und Interessen aller Bewohnenden zu kennen und einzubeziehen. Laut Agenda 2030 der UN kann die Zukunftsfähigkeit von Städten nur gesichert werden, indem sich möglichst viele Gruppen partizipatorisch an der Stadtentwicklung beteiligen. Gerade der Ideenreichtum von Kindern und Jugendlichen könnte eine Quelle für überraschende Innovationen und neue Perspektiven auf die Stadtentwicklung bieten.
Kinder machen Stadt
Bei der Ausstellungsplanung für SuperCity 3000 stand von Anfang an fest, dass Kinder die Inhalte aktiv mitbestimmen sollen, dass ihre Sichtweisen im Mittel punkt stehen und ihnen neue Gestaltungsräume eröffnet werden. Der partizipative Entstehungsprozess der Ausstellung ist genauso wichtig wie das Ergebnis. Sechzig Kinder aus vier Berliner Grundschulen haben sich beteiligt. Über ein halbes Jahr beschäftigten sie sich mit der Frage, wie sie in der Stadt der Zukunft leben wollen, welche Herausforderungen sie auf sich zukommen sehen und welche neuen Lösungsvorschläge sie machen möchten. Sie liefen mit wachem Blick durch ihre Kieze und fragten sich, was hier und jetzt verbessert werden könnte. Sie blickten vom Fernsehturm auf ihre Stadt und überlegten, was in Zukunft anders werden sollte. Sie begaben sich auf Zeitreisen und entwickelten dabei Visionen der Stadt von morgen. Sie entwarfen ganz neue Gebäude und Fortbewegungsmittel, sie tüftelten, probierten Materialien aus und bauten ihre Zukunftsvision als Modell. Die Ideenfindung für die gebauten Modelle war als offener Design Thinking-Prozess angelegt, der wiederum die Grundlage für die Schwerpunkte der Ausstellung bildete. Kinder haben oft unkonventionelle Ideen und es war elementar, ihnen keine Vorgaben zu machen oder aus Erwachsenensicht fehlende Themen anzumahnen, sondern die Deutungshoheit bewusst bei den Kindern zu belassen.


Träume und Herausforderungen
Im Ergebnis entstand eine fantasievolle Stadtlandschaft, darunter etwa die „Small Houses“ von Hollie und Helene: „Unsere Häuser sind dafür da, dass darin Obdachlose wohnen können und sie können damit immer dorthin fahren, wo sie hinfahren wollen und sie sind auch dafür da, dass es später nicht mehr so viel Obdachlose gibt.“ Während sich manche Kinder mit der Verbesserung der Lebensumstände in der zukünftigen Stadt beschäftigten, träumten andere von fantastischen neuen Welten. So bauten Engi und Ann das Modell eines „Flügelladens“: „Der Laden ist oben im Himmel und es gibt dort sehr viele Arten von Flügeln, zum Beispiel Drachen, Schmetterlinge oder Engel. Und man könnte sich damit zum Beispiel ähnlich wie die Schmetterlinge fortbewegen.“ Die Kinder verfolgten erkennbar zwei unterschiedliche Strategien. Zum einen dachten sie die Herausforderungen der Gegenwart in die Zukunft weiter und suchten nach neuartigen Lösungsansätzen, zum anderen fassten sie ihre Wünsche, Träume und Hoffnungen in Bilder.

Die Dramaturgie der Ausstellung folgt konsequent dem partizipativen Prozess. Am Anfang werden die sechzig beteiligten Kinder vorgestellt. Dann beginnt in einem abgedunkelten Tunnel die Zeitreise. Die Besuchenden treffen auf Zeitmaschinen, welche die Kinder gebaut haben, und werden von deren Stimmen gedanklich in die Zukunft mitgenommen. Am Ende des Tunnels öffnet sich der Blick auf die bunte Stadt – das vielfältige Panorama der gebauten Modelle. Um den Nukleus der Stadt sind sechs Themenbereiche gruppiert, die sich aus den Ideen der Kinder ergeben: Klima, Wachstum, Versorgung, Weite, Natur und Gemeinschaft. Innovative Projekte, technische Prototypen und Architekturentwürfe spiegeln und ergänzen die Zukunftsideen. Bei der Auswahl der Objekte und Projekte waren die Ideen der Kinder handlungsleitend. Es wurden keine neuen Themen hinzugefügt, sondern die von Seiten der Kinder eingebrachten Themen vertieft und erweitert. Großformatige Zitate und Fotografien der Kinder leiten die Ausstellungsbereiche ein.
KLIMA. Was braucht die Stadt, weil sich das Klima verändert?
Eine der großen Herausforderungen, die die Kinder bei ihrer Stadtplanung für die Zukunft aufgegriffen haben, ist der Klimawandel. Insbesondere starke Hitze oder Überschwemmungen werden den Alltag in den Städten zunehmend belasten. Nach Lauras Idee eines Kühlzentrums sollen Stadtbewohner*innen zukünftig bei großer Hitze einen Ort aufsuchen können, wo sie durch riesige Ventilatoren und Schwimmbecken gekühlt werden, aber auch mit Kühlakkus und Eis versorgt werden. Auf dieses Modell nimmt ein interaktives Experiment zu kühlender Fassadenfarbe Bezug, die sich bei großer Hitze von schwarz zu weiß ändert.
Da der Großteil der Städte weltweit an der Küste oder an Flüssen angesiedelt sind, sind diese bereits in den kommenden Jahrzehnten durch den steigenden Meeresspiegel extrem gefährdet. Von Ella kam der Vorschlag, bei weltweiter Überschwemmung die Städte in Siedlungskugeln unter Wasser zu bauen. Die Ausstellung zeigt bestehende, etwas weniger radikale Maßnahmen dazu, wie schwimmene Städte oder auf Stelzen gebaute Häuser.
Aber Städte leiden nicht nur am Klimawandel, sondern verursachen ihn auch maßgeblich mit. Über 70 Prozent der weltweiten C02-Emissionen werden bereits heute in urbanen Räumen erzeugt, insbesondere der Bausektor ist für einen Großteil davon verantwortlich. Ausgestellt werden klimaneutrale Baumaterialien wie Pilzbausteine oder Hanfbeton.

WACHSTUM. Wie kann die Stadt mehr Menschen unterbringen?
Auch das Wachstum der Städte hat die Kinder beschäftigt. Besonders in Asien, Afrika und Südamerika wachsen Städte rasant. Bereits 2050 werden mehr als 6,5 Milliarden Menschen in Städten leben. Die Kinder haben sich viele Gedanken dazu gemacht, wie Städte zukünftig all die Menschen aufnehmen können und trotzdem lebenswerte Orte bleiben. Wegen der Wohnungsnot, die Ahmed schon heute in Berlin spürt, hat er sich den „Atmosphärenkratzer“ ausgedacht, der 20 Kilometer in die Wolken ragt. Jaro hat sich ein Gebäude überlegt, das kurzfristig weiter gebaut werden kann, wenn mehr Menschen darin wohnen sollen. Über einen auf dem Dach ausfahrbaren 3D–Drucker soll das Haus für Neuankömmlinge flexibel höher gebaut werden können, während die Menschen darunter unbehelligt weiter wohnen. Ausgestellt wird hier unter anderem das autarke „Wohn-Ei“ der Firma Ecocapsule. Das runde Häuschen könnte überall aufgestellt werden, wo schnell kleine Wohnungen nachverdichtet werden sollen, zum Beispiel auch auf flachen Dächern anderer Häuser. In der Ausstellung wird zudem ein Ton-3D- Drucker regelmäßig vorgeführt, dessen großes Gegenstück bereits bewohnbare Häuser aus Lehm druckt.

VERSORGUNG. Was hält die Stadt am Laufen?
Die Infrastruktur einer Stadt ist grundlegend für das Potenzial ihrer zukünftigen Entwicklung. Aus der Perspektive der beteiligten Kinder liegen die relevanten Infrastrukturthemen für die Zukunftsstadt in den Bereichen Transport, Energieversorgung und Müll. Fabian würde etwa die Paketlieferung komplett unterirdisch realisieren, Finja und Lina würden eher in die Luft gehen und per Drohnen ausliefern. Alles soll autonom und vollautomatisch funktionieren, genauso wie beim Personentransport mit der „Flugseilbahn“ von Çinar. In die Richtung dieser Ideen gehend existieren bereits Pilotprojekte, die in der Ausstellung dargestellt werden. So ist etwa eine Logistikdrohne aus dem bundesweit ersten kommerziellen Drohnenlieferprojekt zu sehen sowie Modelle des Projekts U‑Shift, das als autonomes und modulares Transportsystem für ÖPNV und Logistik entwickelt wurde.

Beim Thema Energie setzen viele Kinder für ihre Stadt der Zukunft auf Solarenergie. Daher werden innovative Methoden der Erzeugung von Sonnenenergie – integriert in alle Gebäudeteile – in der Ausstellung gezeigt: Solardachziegel und flexible Solarfolie für Dächer, Solarbeton mit organischen Farbstoffen auf der Fassade sowie ein Prototyp für transparente Solarzellen in Fenstern könnten perspektivisch die Energieerzeugung in der Stadt revolutionieren. Das Thema Müll hat die beteiligten Kinder sehr beschäftigt, sowohl in Bezug auf die Müllreduktion wie auch auf eine mögliche vollautomatische Entsorgung. Während Maja etwa „Rob, den Müllroboter“ für ihre Zukunftsstadt entwickelt hat, wird in der Ausstellung ein Pilotprojekt aus Italien gezeigt: Ein Roboterhund mit integriertem Staubsauger und Sensortechnik sammelt vollautomatisch Zigarettenkippen auf.
WEITE. Können wir die Zeit und den Raum der Stadt erweitern?
Ein Wunschtraum der Kinder für die Zukunftsstadt ist Raum und Zeit ohne Grenzen. Die Einflüsse von Science- Fiction auf die Ideenwelt der Kinder werden hier ebenso sichtbar wie aktuell diskutierte Technikvisionen. Zum Reisen in der Stadt der Zukunft wünscht sich Johann ein Portal, das ihn in jede Zeit und zu jedem Ort teleportieren kann und Maila ein Auto, mit dem sie fahren, schwimmen und fliegen kann. Mahmoud und Jan erträumen sich die Besiedlung des Mars. In der Ausstellung trifft man auf das 1:1 Modell des Flugautos PAL‑V Liberty, das sich momentan in der letzten Phase der Zertifizierung durch die EU-Flugsicherung befindet. Die Besuchenden lernen, wie unfassbar schwierig es sein würde, den Mars für Menschen bewohnbar zu machen.

NATUR. Wie können alle Lebewesen in der Stadt ihren Platz finden?
Neben technologischen Themen machten sich viele Kinder Gedanken um die Natur in den Zukunftsstädten. Denn alle Pflanzen und Tiere in der Stadt sollen denselben Raum bekommen wie die menschlichen Bewohner*innen. So formuliert Sila: „Die Tiere sprechen in deren Sprache und die Menschen verstehen die Tiere. Und die Tiere verstehen sich auch untereinander. Zum Beispiel, wenn die Katze jetzt zu den Fischen geht und sagt: ‚Ich möchte euch essen.‘ Also die Katze würde sowas dann nicht sagen, weil die lieb zueinander sind.“ Den Grundsatz dieser Idee teilt auch die Organismendemokratie an der Osloer Straße in Berlin. Der Verein wurde 2020 gegründet. Auf dem Grundstück werden in regelmäßigen Abständen alle Bewohnenden – vom Admiral-Schmetterling bis zur Zuckmücke – gezählt und mit menschlichen Vertreter*innen im Parlament repräsentiert. So hat jedes Lebewesen der Organismendemokratie die Möglichkeit, für seine Bedürfnisse einzutreten.
GEMEINSCHAFT. Wie können wir in der Stadt gemeinsam gut leben?
Für das Zusammenleben in der Stadt wünschten sich die Kinder mehr soziales Miteinander in öffentlichen Räumen. Auf Plauderbänken könnte man zum Beispiel mit Fremden ins Gespräch kommen. Ausgegrenzte Menschen sollen einen Platz in der Stadt finden, wie etwa die Obdachlosen, für die sich Hollie und Helene die „Small Houses“ als temporäre Unterkünfte ausgedacht haben. Die Idee der beiden korrespondiert mit einem bereits existierenden sozialen Projekt: Der Verein „Little Home“ baut mit Ehrenamtlichen mobile Kleinsthäuser, organisiert Stellplätze und stellt die kleinen Unterkünfte Obdachlosen zur Verfügung. Für die Ausstellung wurde so ein kleines Häuschen gebaut, in dem auch die Betroffenen selbst zu Wort kommen und das nach Ausstellungsende einem Obdachlosen übergeben wird.


Rechts: Der Ausstellungsbereich GEMEINSCHAFT mit Plauderbank und “Little Home“ für Obdachlose. Foto: Ériver Hijano, SDTB
Baut mit an unserer Stadt der Zukunft!
Die Ausstellung soll über die Zusammenarbeit mit den 60 Grundschüler*innen hinaus auch anderen Menschen die Möglichkeit geben, sich zu beteiligen. So steht neben der Modellstadt der Kinder eine große Fläche für die Ideen der Besuchenden zur Verfügung. Mit kinetischem Sand und anderen nachhaltigen Materialien können alle Besuchenden ihre Visionen zu unserer Stadt der Zukunft einbringen.
Um diesem Gedanken noch einmal Nachdruck zu verleihen, sind in einem abschließenden Ausstellungsbereich verschiedene Initiativen zu finden, die Kindern bereits in jungem Alter eine Teilhabe an städtebaulichen Entscheidungen verschaffen. Diese stehen alle unter dem Motto „Die Zukunft beginnt jetzt, du kannst sie mitgestalten!“ Auch bietet sich hier die Möglichkeit des Dialoges mit anderen, anwesenden oder früheren Besuchenden der Ausstellung: Ein hinterleuchteter Stadtplan lädt dazu ein, Teile Berlins neu zu gestalten indem sie direkt auf dem Plan überzeichnet werden. Wie soll zum Beispiel der Landwehrkanal aussehen? Wünschen sich die Besuchenden mehr Rad- oder Fußwege? Neben, über oder an die Ideen anderer Besuchender können alle anschließen und gemeinsam ein lebenswerteres Berlin der Zukunft schaffen.
Zeitreisen als Superkraft
Gerade angesichts des momentan vorherrschenden Pessimismus regt die Ausstellung somit zu einer anderen Haltung an: Denkt über die vielfältigen Möglichkeiten nach, die die Zukunft bietet und trefft bewusst Entscheidungen für eine gute Zukunft! Denn wie die Zukunftsforscherin Florence Gaub sagt, ist die Fähigkeit des Menschen, gedanklich in die Zukunft zu reisen, unsere Superkraft. Nur so können wir träumen und das – noch – Unmögliche ausdenken, aber auch Entscheidungen treffen oder uns konkrete Ziele setzen. Deshalb sollten wir alle häufiger mit freiem Kopf und weitem Horizont in die Zukunft reisen und alles dafür tun, dass gute Ideen wahr werden.