Das fos­si­le Museum

Wie kön­nen wir kri­tisch über Fort­schritt sprechen?

Wie fort­schritt­lich ist Fort­schritt und wohin führt er uns? Wie kön­nen wir im Deut­schen Tech­nik­mu­se­um über Fort­schritt spre­chen, ohne sei­ne Schat­ten­sei­ten – vom Rebound-Effekt bis zur Res­sour­cen­kri­se – aus­zu­blen­den? Und wie kön­nen wir in den Aus­stel­lun­gen die­se Wider­sprü­che sicht­bar machen?

Wie kann tech­no­lo­gi­scher Fort­schritt nach­hal­ti­ges Wachs­tum beein­flus­sen? Für die For­schung zu die­ser Fra­ge wur­de 2025 unter ande­rem der Wirt­schafts­his­to­ri­ker Joel Mokyr mit dem Wirt­schafts­no­bel­preis ausgezeichnet. 

Der Fokus sei­ner Arbei­ten liegt auf der Erklä­rung der Indus­tria­li­sie­rung, die Mit­te des 18. Jahr­hun­derts in Eng­land begann und sich schnell in Euro­pa und dann in ande­ren Welt­re­gio­nen aus­brei­te­te. Dadurch setz­te ein bis­lang bei­spiel­lo­ses Wirt­schafts­wachs­tum ein – und zugleich begann der vom Men­schen ver­ur­sach­te Kli­ma­wan­del. Mokyr erklärt die­ses Wachs­tum einer­seits mit einer damals neu­en tech­ni­schen Kul­tur und ande­rer­seits mit neu­en ver­trau­ens­wür­di­gen Insti­tu­tio­nen, die seit der Auf­klä­rung ent­stan­den sind.1

Die neue tech­ni­sche Kul­tur war gekenn­zeich­net durch die Abkehr von einer auf Erfah­rungs­wis­sen basie­ren­den Tech­nik­ent­wick­lung hin zu der Ver­bin­dung von tech­ni­scher Ent­wick­lung mit wis­sen­schaft­li­cher For­schung. Die­se Kul­tur ging mit einer Fas­zi­na­ti­on für neue Tech­nik ein­her und war unter ande­rem grund­le­gend für die Ent­ste­hung von Insti­tu­tio­nen wie tech­ni­schen Hoch­schu­len, die maß­geb­lich zum Ver­ständ­nis und zur Ein­stel­lung gegen­über Tech­nik bei­tru­gen und dadurch wie­der­um die Ver­brei­tung von neu­er Tech­nik ermög­lich­ten.2

Mokyr zeich­net zwar eine Erfolgs­ge­schich­te der Tech­nik, betont aber glei­cher­ma­ßen ihre nega­ti­ven Effek­te und Fol­gen. Der stän­di­ge tech­nisch-öko­no­mi­sche Wan­del för­der­te Krea­ti­vi­tät und brach­te sowohl Gewin­ner als auch Ver­lie­rer her­vor. Vor allem war das andau­ern­de Wachs­tum (sus­tained growth) kein nach­hal­ti­ges Wachs­tum (sus­tainable growth). Umwelt­res­sour­cen waren lan­ge schein­bar kos­ten­los, sie muss­ten nur abge­baut und genutzt wer­den. Nega­ti­ve Fol­gen wie Kli­ma­wan­del und Umwelt­zer­stö­rung wur­den nicht bedacht und konn­ten auch lan­ge Zeit aus­ge­blen­det wer­den. Doch heu­te kön­nen wir die öko­lo­gi­schen Fol­gen nicht län­ger igno­rie­ren, denn sie bedro­hen bereits unse­re eige­nen Lebens­grund­la­gen.3 Der Zusam­men­hang ist so sim­pel wie nach­weis­bar, betont die Öko­no­min Clau­dia Kem­fert: „Mehr Wirt­schafts­wachs­tum heißt mehr Ener­gie­ver­brauch heißt mehr CO2-Emis­sio­nen heißt mehr Kli­ma­kri­se.“4

Den­noch sieht Mokyr in tech­ni­schen Rück­kopp­lun­gen, also jenem Effekt, dass die unbe­ab­sich­tig­ten Neben­fol­gen von Tech­nik die Vor­tei­le eben die­ser Tech­nik wie­der auf­he­ben, kein Argu­ment gegen Fort­schritt. Er argu­men­tiert, dass es Lern­pro­zes­se und Anpas­sun­gen braucht: Wachs­tums­zah­len und Pro­duk­ti­vi­täts­sta­tis­ti­ken müss­ten dem­nach ergänzt wer­den um Umwelt­ef­fek­te und Lebensqualität.

Hier setzt unser For­schungs­pro­jekt PITCH an, das im Rah­men des Hori­zon Euro­pe-Pro­gramms5 geför­dert wird. Als Teil eines euro­pa­wei­ten For­schungs­ver­bun­des unter­su­chen wir die Dau­er­aus­stel­lung des Deut­schen Tech­nik­mu­se­ums. Im Mit­tel­punkt steht die Fra­ge, wie tech­ni­sche Muse­en jene Rück­kopp­lun­gen dar­stel­len kön­nen, für deren Erfor­schung Mokyr den Nobel­preis erhielt, näm­lich die Zusam­men­hän­ge zwi­schen Tech­nik­ent­wick­lung, Wirt­schafts­wachs­tum und glo­ba­ler Umwelt­kri­se. Zugleich ver­steht sich PITCH als Teil der Lern­pro­zes­se und Anpas­sun­gen, mit denen wir nicht nur die tech­ni­sche Ent­wick­lung der Ver­gan­gen­heit neu beleuch­ten, son­dern auch neue Per­spek­ti­ven für die Zukunft schaf­fen. Wir unter­su­chen daher, wie tech­ni­sche Muse­en neue Erzäh­lun­gen des tech­ni­schen Wan­dels ent­wi­ckeln kön­nen, die eine „green tran­si­ti­on“, also den Über­gang in eine kli­ma­neu­tra­le, res­sour­cen­scho­nen­de und gerech­te Gesell­schafts- und Wirt­schafts­form, unter­stüt­zen. Damit schlie­ßen wir an eine brei­te Debat­te zu gesell­schaft­li­chen Trans­for­ma­tio­nen im Kon­text der Nach­hal­tig­keit an. Dem­nach ist ein Wan­del im gesell­schaft­li­chen Mind­set not­wen­dig, um der Kli­ma­kri­se wirk­sam zu begegnen.

So betont etwa die zen­tra­le Mit­ge­stal­te­rin des Pari­ser Kli­ma­ab­kom­mens, Chris­ti­na Figue­res, dass nicht nur poli­ti­sche Rah­men­be­din­gun­gen und tech­no­lo­gi­sche Inno­va­tio­nen not­wen­dig sei­en, son­dern auch ein ver­än­der­tes gesell­schaft­li­ches Ver­ständ­nis und eine neue Hal­tung gegen­über Zukunft und Umwelt. Figue­res plä­diert in die­sem Zusam­men­hang für einen „auf­ge­klär­ten INTER­VEN­TI­ON Opti­mis­mus“, der auf wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen basiert, die öko­lo­gi­sche Kri­sen ernst nimmt und gera­de dar­aus Moti­va­ti­on und Hand­lungs­be­reit­schaft schöpft.6 Wie bereits Mokyr vor­schlägt, set­zen wir bei den unbe­ab­sich­tig­ten Fol­gen des tech­ni­schen Fort­schritts an. Umwelt­ver­schmut­zung, Kli­ma­fol­gen der Ver­bren­nung fos­si­ler Roh­stof­fe sowie die dau­er­haf­ten Spu­ren, die Plas­tik­par­ti­kel und Fein­staub hin­ter­las­sen, gehö­ren zu den drän­gends­ten Pro­ble­men unse­rer Zeit. Sie sind ursäch­lich mit der Geschich­te der Tech­nik ver­knüpft, die Tech­nik­mu­se­en aus­stel­len. Des­halb sind unse­re zen­tra­len Fra­ge­stel­lun­gen: Wie machen wir die­sen Teil der Geschich­te im Muse­um sicht­bar? Wie machen wir das auf eine Wei­se, die die nöti­gen Anpas­sun­gen von Tech­nik und Wirt­schaft unter­stützt? Wie moti­vie­ren wir dazu, neu über Tech­nik nach­zu­den­ken und post-fos­si­le Zukunfts­bil­der zu entwerfen?

Unse­re Grund­an­nah­me ist, dass die in Tech­nik­mu­se­en gän­gi­gen Erklä­run­gen des tech­ni­schen Wan­dels eine Vor­stel­lung von Fort­schritt stüt­zen, die die nega­ti­ven öko­lo­gi­schen und kli­ma­ti­schen Fol­gen die­ses tech­ni­schen Wan­dels aus­blen­det. Beson­ders die Roh­stoff­ba­siert­heit tech­ni­scher Kul­tur und ihre Abhän­gig­keit von fos­si­len Ener­gien wird sel­ten the­ma­ti­siert, obwohl sie einen zen­tra­len Aspekt moder­ner Tech­nik­ge­schich­te dar­stellt und den Dis­kurs um tech­ni­sche Leit­bil­der, wie dem Ver­bren­nungs­mo­tor, aktu­ell prägt. Die­se fos­si­le Abhän­gig­keit ist aus vie­len Grün­den pro­ble­ma­tisch, vor allem aber macht sie erpress­bar und heizt die Kli­ma­kri­se an, wie Clau­dia Kem­fert betont.7

Betrach­ten wir sol­che aktu­el­len Fort­schritts­nar­ra­ti­ve, fällt auf, dass sie Tech­nik vor allem als tech­ni­sche „Revo­lu­tio­nen“ und Inno­va­tio­nen der Ver­gan­gen­heit deu­ten. Auch wird immer wie­der ein Ent­wick­lungs­mo­dell ver­mit­telt, bei dem seit der Indus­tria­li­sie­rung meh­re­re Revo­lu­ti­ons­stu­fen auf­ein­an­der­fol­gen. Sol­che line­ar-chro­no­lo­gi­sche Dar­stel­lun­gen der tech­ni­schen Ent­wick­lungs­stu­fen fin­den sich in vie­len Muse­en, Schul­bü­chern und Lehr­wer­ken. Sie prä­gen daher die gän­gi­ge Vor­stel­lung der Indus­tria­li­sie­rung als fort­schrei­ten­dem Pro­zess und und legen den Auf­bruch in eine tech­ni­sche Moder­ne nahe. Der Glau­ben an einen bestän­di­gen Fort­schritt und ein damit ver­bun­de­nes Wachs­tums­ver­spre­chen ist hier Prä­mis­se, oder, wie der Tech­nik­his­to­ri­ker Tho­mas Häns­er­oth aus­drück­te, „Pathos­for­mel“ für Inge­nieurinnen und das Bür­ger­tum, Poli­ti­kerinnen und Wis­sen­schaft.8

Ein beson­ders offen­sicht­li­ches Fol­ge­pro­blem wird als „Rebound-Effekt“ bezeich­net und geht auf den bri­ti­schen Öko­no­men Wil­liam Stan­ley Jevons zurück. Er beschäf­tig­te sich auf dem Höhe­punkt der Indus­tria­li­sie­rung mit der Fra­ge, wie lan­ge die Koh­len­vor­rä­te Groß­bri­tan­ni­ens und Euro­pas noch aus­rei­chen wür­den und beob­ach­te­te dabei ein Phä­no­men: Je spar­sa­mer der Koh­len­ver­brauch der Dampf­ma­schi­nen wur­de, des­to grö­ßer wur­de das Inter­es­se an ihnen. Folg­lich gab es immer mehr Dampf­ma­schi­nen, die dann trotz spar­sa­me­rer Tech­nik ins­ge­samt immer mehr Koh­len ver­brauch­ten. Seit­dem fin­den wir das Phä­no­men in vie­len tech­ni­schen Berei­chen: Tech­ni­sche Ver­bes­se­run­gen machen die Tech­nik attrak­ti­ver, sie wird häu­fi­ger genutzt und dadurch wer­den Fol­gen, die bei gerin­ger Nut­zung noch akzep­ta­bel waren, schwerwiegender.

Der Kli­ma­wan­del hat das Fort­schritts­ver­spre­chen die Vor­stel­lung, dass man alle Pro­ble­me tech­nisch lösen kön­ne nach­hal­tig infra­ge gestellt.

Sol­che Vor­stel­lun­gen eines ziel­stre­bi­gen Fort­schritts, der die Geschich­te präg­te, erklä­ren die Ent­wick­lung neu­er Tech­no­lo­gien dabei einer­seits aus der Logik tech­ni­scher Mach­bar­keit und tech­ni­scher Rekor­de und ande­rer­seits aus der Logik der kon­ti­nu­ier­li­chen Ver­bes­se­rung. Letz­te­re reagiert direkt auf Pro­ble­me, die bei jeweils bestehen­den Tech­ni­ken auf­tre­ten und behebt die­se. Bei tech­ni­schen Pro­ble­men funk­tio­niert die­ser „tech­no­lo­gi­cal fix“ tat­säch­lich oft. Jedoch führt das dazu, dass die Tech­nik­ent­wick­lung immer wei­ter in den­sel­ben Bah­nen ver­läuft und tech­ni­sche Alter­na­ti­ven und Wen­den kei­ne Rol­le spie­len. Die­ser Blick auf die tech­ni­schen Inno­va­tio­nen der Ver­gan­gen­heit ist in meh­rer­lei Hin­sicht pro­ble­ma­tisch. Vor allem wird er zum Pro­blem, wenn ganz selbst­ver­ständ­lich davon aus­ge­gan­gen wird, der tech­ni­sche Fort­schritt wer­de schon – prak­tisch in einer Art Natur­ge­setz­lich­keit – mit allen Pro­ble­men fer­tig. Das stimmt jedoch (lei­der) nicht. Nicht alle Pro­ble­me las­sen sich tech­nisch „weg­ent­wi­ckeln“. Denn die glo­ba­len Umwelt­pro­ble­me, die heu­te bereits vie­le Men­schen bedro­hen, sind „wicked pro­blems“, „bös­ar­ti­ge Pro­ble­me“, die so kom­plex sind, dass sie sich ein­fa­chen tech­ni­schen Lösun­gen verschließen.

Mit­un­ter die­ses Phä­no­men führ­te dazu, dass der Glau­ben an den Fort­schritt in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zuneh­mend ins Wan­ken gera­ten ist. Ins­be­son­de­re der Kli­ma­wan­del hat das Fort­schritts­ver­spre­chen – die Vor­stel­lung, dass man alle Pro­ble­me tech­nisch lösen kön­ne – nach­hal­tig infra­ge gestellt und die Ambi­va­len­zen tech­ni­scher und öko­no­mi­scher Ent­wick­lung deut­li­cher denn je offen­ge­legt. Die Trans­for­ma­ti­ons­for­sche­rin Maja Göpel erklärt, dass wir die­sen Ambi­va­len­zen nur kom­pe­tent begeg­nen kön­nen, wenn wir unser Mind­set, unse­re Über­zeu­gun­gen und Ori­en­tie­rungs­mus­ter ver­än­dern, nach denen tech­ni­scher Fort­schritt bewer­tet und Wachs­tum bemes­sen wird. Der ers­te Schritt dazu ist es dem­nach, ehr­lich auf den Sta­tus Quo zu bli­cken und zu reflek­tie­ren, wo die bis­he­ri­gen Ideen her­kom­men. Auf die­ser Grund­la­ge kann schließ­lich an einem neu­en Wirt­schaf­ten gear­bei­tet wer­den, das die Zie­le der „green tran­si­ti­on“ im Blick behält. Deut­lich wird in Göpels Arbei­ten: Eine ande­re Welt ist mög­lich, doch wir müs­sen neue Ideen ent­wi­ckeln und Visio­nen haben, damit wir Ver­än­de­run­gen mutig ange­hen kön­nen.9

Der Sozio­lo­ge Andre­as Reck­witz beschreibt die aus die­sen Ambi­va­len­zen ent­ste­hen­de Unsi­cher­heit als Cha­rak­te­ris­ti­kum der Spät­mo­der­ne. Die neu­en Ängs­te ste­hen der alten Hoff­nung gegen­über, die der Glau­be an den Fort­schritt mit sich bringt. Reck­witz bringt dies direkt mit der Kri­se der Demo­kra­tie in Ver­bin­dung, wenn er schreibt: Die Ein­lö­sung des Ver­spre­chens auf ste­ti­ge Ver­bes­se­rung der Lebens­um­stän­de sei ein Grund­ge­rüst der Demo­kra­tie und das Fort­schritts­nar­ra­tiv „das kul­tu­rel­le Metaskript“.10 Wie auch Mokyr stellt sich Reck­witz damit nicht gegen ein Fort­schritts­nar­ra­tiv, son­dern erklärt viel­mehr, dass die­ses neu ver­han­delt wer­den müsse.

Aus­ge­hend von unse­ren For­schun­gen zum Fort­schritts­nar­ra­tiv in tech­ni­schen Muse­en, haben wir im Deut­schen Tech­nik­mu­se­um eine Inter­ven­ti­on, also einen Rund­gang erar­bei­tet, der ab Febru­ar 2026 zu sehen sein wird. Er prä­sen­tiert das Deut­sche Tech­nik­mu­se­um als Muse­um des fos­si­len Zeit­al­ters. In einer ers­ten Arbeits­pha­se haben wir uns dar­auf kon­zen­triert die Prä­sen­ta­ti­ons­form der Objek­te, deren Tex­te und die sich durch­zie­hen­den Nar­ra­ti­ve der Dau­er­aus­stel­lun­gen zu ent­schlüs­seln. Unser Fokus auf das The­ma fos­si­le Roh­stof­fe macht deut­lich, dass die­se in vie­len Aus­stel­lun­gen weder mate­ri­ell prä­sent noch text­lich aus­rei­chend the­ma­ti­siert sind. Beson­ders auf­fäl­lig ist die­ses Feh­len in jenen Prä­sen­ta­tio­nen, die sich mit Fahr­zeu­gen und Mobi­li­tät befas­sen – Berei­chen also, in denen fos­si­le Ener­gie­trä­ger, der Zugang zu ent­spre­chen­den Res­sour­cen und deren Ver­brauch eine zen­tra­le Vor­aus­set­zung für die tech­ni­sche Ent­wick­lung dar­stel­len. War­um aber blei­ben Koh­le und Öl hier unsicht­bar, wenn sie doch sowohl für das Ver­ständ­nis der tech­ni­schen Funk­ti­on, als auch für deren gesell­schaft­li­che Ver­brei­tung not­wen­dig sind?

Eine Ant­wort dar­auf bie­ten kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Kon­zep­te, die sich mit der Rol­le des Erd­öls bezie­hungs­wei­se der fos­si­len Roh­stof­fe beschäf­tig­ten. Sie zei­gen eine Ver­bin­dung zwi­schen der mate­ri­el­len Omni­prä­senz die­ser Roh­stof­fe und den eta­blier­ten Nar­ra­ti­ven auf. Dem­nach ist über die Jahr­zehn­te eine fos­si­le Men­ta­li­tät ent­stan­den, also eine vor­herr­schen­de Hal­tung und Nor­ma­li­täts­vor­stel­lung, die auf der Annah­me einer ste­ti­gen Ver­füg­bar­keit gro­ßer Ener­gie­men­gen beruht. Die Exis­tenz fos­si­ler Roh­stof­fe ist in der Moder­ne folg­lich so selbst­ver­ständ­lich, dass sie kaum noch the­ma­ti­siert wird. Seit der Indus­tria­li­sie­rung bil­den sie das Lebens­eli­xier tech­ni­scher Ent­wick­lung und sind in unse­rem All­tag wie auch in unse­rer Vor­stel­lungs­welt all­ge­gen­wär­tig, obwohl der Roh­stoff sel­ber weit­ge­hend unsicht­bar geblie­ben ist.11 Der Kul­tur­wis­sen­schaft­ler Ben­ja­min Stei­nin­ger fragt in die­sem Sin­ne: „Muss den kul­tu­rell und evo­lu­tio­när vom Feu­er gemach­ten Men­schen das Moto­ren­feu­er wie­der neu erklärt wer­den, weil sie es als selbst­ver­ständ­lich vor­aus­set­zen und nicht mehr ver­ste­hen?“12

Für unse­re Inter­ven­ti­on ergibt sich dar­aus die For­de­rung, die fos­sil-indus­tri­el­le Roh­stoff­ba­sis wesent­lich stär­ker in den Vor­der­grund zu rücken. Koh­le, Öl und Gas waren zen­tra­le his­to­ri­sche Trieb­kräf­te tech­no­lo­gi­scher und gesell­schaft­li­cher Ent­wick­lung und haben die mate­ri­el­len Bedin­gun­gen der Moder­ne maß­geb­lich geprägt. Ohne fos­si­le Ener­gie­trä­ger wären Dampf­ma­schi­nen, Ver­bren­nungs­mo­to­ren, Kunst­stof­fe, Dün­ge­mit­tel und die che­mi­sche Indus­trie eben­so wenig denk­bar gewe­sen wie beheiz­te Wohn­räu­me und die brei­te Ver­füg­bar­keit von Warm­was­ser. Es geht zunächst ganz „sim­pel“ dar­um, die­se Abhän­gig­keit der tech­ni­schen Ent­wick­lung von fos­si­len Res­sour­cen in der Aus­stel­lung darzustellen. 

Neue kura­to­ri­sche Per­spek­ti­ven auf die Tech­nik­ge­schich­te seit dem Indus­trie­zeit­al­ter soll­ten die Bedin­gun­gen für die tech­ni­schen Ent­wick­lun­gen eben­so wie ihre gesell­schaft­li­chen Wech­sel­wir­kun­gen und Fol­gen in den Mit­tel­punkt stel­len. Im Rah­men der Inter­ven­ti­on erpro­ben wir die­ses Kon­zept auf eine ein­fa­che und unmit­tel­bar umsetz­ba­re Wei­se: Wir prä­sen­tie­ren ein Muse­um des fos­si­len Zeit­al­ters, indem wir die bestehen­de Dau­er­aus­stel­lung gezielt um eine Per­spek­ti­ve auf fos­si­le Roh­stof­fe erweitern.

Die Umset­zung geschieht auf zwei Ebe­nen. Die ers­te ist die bereits erwähn­te Inter­ven­ti­on in zen­tra­len Berei­chen des Muse­ums, wo wir die grund­le­gen­den Bot­schaf­ten unse­res Vor­ha­bens erläu­tern, szen­o­gra­fisch prä­sen­tie­ren und die Besu­chen­den zur Dis­kus­si­on ein­la­den. Die zwei­te Ebe­ne ist die Neu­be­leuch­tung von aus­ge­wähl­ten Objek­ten aus der Dau­er­aus­stel­lung, um die Ver­bin­dung die­ser Objek­te mit fos­si­len Res­sour­cen und den öko­lo­gi­schen Kon­se­quen­zen des fos­si­len Zeit­al­ters sicht­bar zu machen. 

Die­ser inhalt­li­che Teil der Inter­ven­ti­on wird von einer künst­le­ri­schen Arbeit von Vanes­sa Amo­ah Opo­ku und Lion Sau­ter­leu­te beglei­tet. Mit­hil­fe einer beson­de­ren 3D-Scan­ning-Metho­de inter­pre­tie­ren sie aus­ge­wähl­te Objek­te neu und kom­bi­nie­ren sie mit his­to­ri­schem Bild­ma­te­ri­al zu Orten der Roh­stoff­ex­trak­ti­on, zu Infra­struk­tu­ren und zur Nut­zung fos­si­ler Res­sour­cen. Dadurch ent­ste­hen neue Erkennt­nis­räu­me: Die Arbeit irri­tiert durch eine neue Bild­spra­che, die nicht aka­de­mi­sch­er­klä­rend, son­dern unge­wohnt und akti­vie­rend ist. Sie eröff­net den Besu­chen­den eine neue Per­spek­ti­ve auf die Abhän­gig­keit unse­rer tech­ni­schen Kul­tur von fos­si­len Ener­gie­trä­gern, den Orten ihrer Extrak­ti­on und Ver­tei­lung. Zugleich macht die Arbeit sicht­bar, dass unse­re Vor­stel­lun­gen von Objek­ten wan­del­bar und flui­de sind. 

Tech­ni­sche Lösun­gen allein wer­den uns nicht aus der Abhän­gig­keit der fos­si­len Roh­stof­fe befrei­en. Der Über­gang in ein post­fos­si­les Zeit­al­ter ist öko­lo­gisch drin­gend gebo­ten und ver­langt auch gesell­schaft­li­che Trans­for­ma­ti­on. Seli­na Heid­schwa­ger, Co-Kura­to­rin der Inter­ven­ti­on, betont: „Mit unse­rer Arbeit schaf­fen wir eine neue Per­spek­ti­ve auf die Dau­er­aus­stel­lung des Deut­schen Tech­nik­mu­se­ums , the­ma­ti­sie­ren die öko­lo­gi­schen Fol­gen der Tech­nik­nut­zung und ermu­ti­gen unse­re Besucher*innen neu auf die Tech­nik der Ver­gan­gen­heit zu bli­cken. Es ist uns wich­tig zu moti­vie­ren, offen für Ver­än­de­run­gen zu sein.“ Wie der His­to­ri­ker Alfred W. Crosby in „Child­ren of the Sun“ notier­te, sind wir gewis­ser­ma­ßen petro­che­mi­sche „Bin­ge Drin­ker“ – Rausch­trin­ker –, was bekann­ter­ma­ßen oft in einem „Han­go­ver“ – einem Kater am nächs­ten Mor­gen – endet. In die­sem Sin­ne wäre es nur fol­ge­rich­tig, dass wir uns aus der Abhän­gig­keit befrei­en, den Ent­zug kon­se­quent durch­zie­hen und stand­haft blei­ben, wenn wir den Über­gang ins post­fos­si­le Zeit­al­ter schaf­fen wollen.

  1. Joel Mokyr: Enligh­ten­ed Eco­no­my: An eco­no­mic histo­ry of Bri­tain 1750–1850, 2009; Joel Mokyr: A Cul­tu­re of Growth: The Ori­g­ins of the Modern Eco­no­my. (Graz Schum­pe­ter Lec­tures.), 2016. ↩︎
  2. Insti­tu­tio­nen bezeich­nen in der Neu­en Insti­tu­tio­nen­öko­no­mik for­ma­le und infor­mel­le Regeln samt ihrer Durch­set­zungs­me­cha­nis­men, die das Ver­hal­ten von Indi­vi­du­en in Trans­ak­tio­nen len­ken und begren­zen. Vgl. Joel Mokyr: Cul­tur ver­sus Insti­tu­ti­ons in the gre­at Enrich­ment, in: C. Ménard, M. M. Shir­ley (Hg.), Hand­book of New Insti­tu­tio­nal Eco­no­mics, S. 897–925; online unter https://doi.org/10.1007/978–3‑031–50810-3_34. ↩︎
  3. Zum krea­ti­ven Poten­zi­al tech­ni­scher Feh­ler und deren Wir­kung auf das wirt­schaft­li­che Wachs­tum for­schen die bei­den ande­ren Preis­trä­ger des Wirt­schafts­no­bel­prei­ses 2025 Peter W. Howitt und Phil­ip­pe Aghion. Vgl. für Mokyrs Argu­men­te: Joel Mokyr: The Past and the Future of Inno­va­ti­on: some les­sons from Eco­no­mic Histo­ry, 2017. ↩︎
  4. Clau­dia Kem­fert: unlearn Wachs­tum, in: unlearn CO2, Ber­lin 2024, S.128. ↩︎
  5. Web­sei­te des Hori­zon Euro­pe-geför­der­ten PITCH-Pro­jekts: https://​pitch​-hori​zon​.eu/. ↩︎
  6. Inter­view mit Chr­sitina Figue­res im Rah­men des Cli­ma­te Con­scious­ness Sum­mit 2024 (COP29): https://​www​.fair​planet​.org/​s​t​o​r​y​/​t​h​e​-​p​o​w​e​r​-​o​f​-​o​p​t​i​m​i​s​m​-​a​-​c​o​n​v​e​r​s​a​t​i​o​n​-​w​i​t​h​c​h​r​i​s​t​i​a​n​a​-​f​i​g​u​e​r​es/. ↩︎
  7. Zu aktu­el­len Pro­ble­men, Ent­wick­lun­gen und Lösun­gen die­ser Abhän­gig­keit vgl. https://letscast.fm/sites/klima-klartext-mit-prof-dr-claudia-kemfert-cc490097/episode/2‑energieabhaengigkeit-nach-putin-jetzt-trump. ↩︎
  8. Tho­mas Häns­er­oth: „Tech­ni­scher Fort­schritt als Heils­ver­spre­chen und sei­ne selbst­lo­sen Bür­gen: Zur Kon­sti­tu­ie­rung einer Pathos­for­mel der tech­no­kra­ti­schen Hoch­mo­der­ne in Deutsch­land“, in: Tran­szen­denz und die Kon­sti­tu­ti­on von Ord­nun­gen, hrsg. von Hans Vor­län­der, Ber­lin, Bos­ton 2013, S. 267–288; online unter https://​doi​.org/​1​0​.​1​5​1​5​/​9​7​8​3​1​1​0​3​0​3​0​1​8​.​267. ↩︎
  9. Maja Göpel: The Gre­at Minds­hift. How a New Eco­no­mic Para­digm and Sus­tain­abli­tiy Trans­for­ma­ti­ons go Hand in Hand, 2016; Maja Göpel: Wir kön­nen auch anders. Auf­bruch in eine Welt von mor­gen, Ber­lin 2022. ↩︎
  10. Andre­as Reck­witz: Ver­lust. Ein Grund­pro­blem der Moder­ne, Ber­lin 2024, S. 149. ↩︎
  11. Melis­sa Bütt­ner und Mat­thi­as Schmel­zer: Fos­si­le Men­ta­li­tä­ten. Zur Geschich­te der fos­si­len Durch­drin­gung moder­ner Vor­stel­lungs­wel­ten, Working Paper Nr. 3, Men­ta­li­tä­ten im Fluss (flu­men), Jena 2021. ↩︎
  12. Alex­an­der Klo­se und Ben­ja­min Stei­nin­ger: Erd­öl. Ein Atlas der Petro­mo­der­ne, Ber­lin 2020, S. 74ff. ↩︎
Nora Tho­ra­de

Nora Thorade forscht zur Geschichte der Produktionstechnik und leitet den Sammlungs- und Ausstellungsbereich Handwerk und Produktion am Deutschen Technikmuseum.

Eike-Chris­ti­an Heine

Eike-Christian Heine erforscht, wie Technologie Geschichte prägt – von kolonialer Archäologie über den Bau technischer Infrastrukturen bis zur Erforschung extremer Naturräume. Aktuell ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Greenhouse Center for Environmental Humanities (Universität Stavanger, Norwegen).