Dem Erd­sys­tem einheizen

Die Dampf­ma­schi­ne und der Treibhauseffekt

Eine Dampf­ma­schi­ne, die in der his­to­ri­schen Werk­statt im Deut­schen Tech­nik­mu­se­um aus­ge­stellt ist, war bis 1914 in einer Korn­müh­le in der eng­li­schen Graf­schaft Sus­sex in Betrieb und leis­te­te 16 PS. Leih­ga­be: Sci­ence Muse­um. Foto: Cle­mens Kirchner

Die Dampf­ma­schi­ne war mehr als eine tech­ni­sche Revo­lu­ti­on – sie mar­kiert einen Wen­de­punkt in der Geschich­te unse­res Pla­ne­ten. Als eine Schlüs­sel­tech­no­lo­gie der Indus­tri­el­len Revo­lu­ti­on trieb sie sowohl die Roh­stoff­för­de­rung als auch die Ener­gie­ge­win­nung in bis dahin unvor­stell­ba­re Höhen. Dies beför­der­te Umstruk­tu­rie­rungs­pro­zes­se in allen Lebens­be­rei­chen: Wirt­schafts­struk­tu­ren, Macht­ver­hält­nis­se und damit gan­ze Gesell­schaf­ten ver­än­der­ten sich radi­kal, wäh­rend die öko­lo­gi­schen Gleich­ge­wich­te des Pla­ne­ten durch Emis­sio­nen und Rück­stän­de stark belas­tet wurden.

CO₂-Kreis­lauf aus dem Gleichgewicht

Der Hun­ger nach Koh­le für dampf­be­trie­be­ne Maschi­nen trieb den Berg­bau vor­an. Fabri­ken, gan­ze Indus­trie­städ­te und Eisen­bahn­net­ze ent­stan­den vie­ler­orts. All die­se Umwäl­zun­gen ver­än­der­ten Land­schaf­ten fun­da­men­tal. Und das ist noch nicht alles. 

Der Betrieb führ­te zu einer enor­men Zunah­me von Ruß, Rauch und Treib­haus­ga­sen, ins­be­son­de­re Koh­len­stoff­di­oxid (CO₂). CO₂ ist ein farb- und geruch­lo­ses Gas, das als natür­li­cher Bestand­teil der Luft eine zen­tra­le Rol­le im Koh­len­stoff­kreis­lauf der Erde spielt – ins­be­son­de­re ver­mit­telt über die Pho­to­syn­the­se. CO₂ ist essen­zi­ell für den natür­li­chen Treib­haus­ef­fekt, wel­cher seit Jahr­tau­sen­den ein lebens­freund­li­ches Kli­ma mit­be­stimmt. Mit der mas­sen­haf­ten Ver­bren­nung fos­si­ler Roh­stof­fe wie Koh­le (im 20. Jahr­hun­dert auch Gas und Öl) wur­den seit dem 18. Jahr­hun­dert kon­ti­nu­ier­lich zusätz­li­che Treib­haus­ga­se erzeugt und in die Atmo­sphä­re abge­ge­ben. Die men­schen­er­zeug­ten Emis­sio­nen gin­gen über die Kapa­zi­tä­ten des natür­li­chen Koh­len­stoff­kreis­laufs hin­aus. Die Natur nahm zwar einen Teil der Last auf, doch knapp die Hälf­te der men­schen­ge­mach­ten Emis­sio­nen ver­blieb in der Erd­at­mo­sphä­re und führ­te zu einem Zuwachs des CO2-Gehalts. Der Treib­haus­ef­fekt ver­stärk­te sich all­mäh­lich. Seit Beginn des Indus­trie­zeit­al­ters stieg die CO₂-Kon­zen­tra­ti­on in der Atmo­sphä­re bereits um fast 50 % – von 280 ppm (Parts per Mil­li­on) auf heu­te rund 418 ppm.

New­co­mens Pum­pe und die Produktivität

Tho­mas New­co­men bau­te die ers­te kom­mer­zi­ell ver­wend­ba­re Dampf­ma­schi­ne. Es war eine Pum­pe, die Koh­le ver­brann­te, um Was­ser in Dampf zu ver­wan­deln und so Bewe­gung zu erzeu­gen. 1712 ging das ers­te Gerät in einer Koh­le­gru­be in der eng­li­schen Graf­schaft War­wickshire in Betrieb. Bis zu New­co­mens Tod im Jahr 1729 arbei­te­ten bereits über hun­dert die­ser Pum­pen in den Berg­wer­ken. Spä­te­re, effi­zi­en­te­re Dampf­ma­schi­nen fan­den breit­flä­chig Ein­gang in Pro­duk­ti­on und Trans­port.

Der Durch­bruch lag jedoch nicht in der Tech­nik allein, son­dern in der enor­men Pro­duk­ti­vi­tät, die sie ermöglichte.

Ent­schei­dend für die wei­te Ver­brei­tung der Tech­no­lo­gie war ihre Pro­fi­ta­bi­li­tät. Die Dampf­ma­schi­nen beschleu­nig­ten die Pro­duk­ti­on und ver­bil­lig­ten sie gleich­zei­tig. Koh­le lie­fer­te nicht nur mehr Ener­gie als Holz, wel­ches in Groß­bri­tan­ni­en damals immer knap­per wur­de, sie ermög­lich­te einen kon­ti­nu­ier­li­chen Betrieb und über­traf Mus­kel­kraft um ein Viel­fa­ches. Die­se Aspek­te waren öko­no­misch hoch­gra­dig gewinn­brin­gend. Beson­ders in der Textil‑, Eisen- und Stahl­in­dus­trie ver­viel­fach­te sich die Leis­tung durch den Ein­satz von Dampf­ma­schi­nen. Fabri­ken waren zudem nicht mehr an Fluss­läu­fe gebun­den – Unter­neh­men errich­te­ten Pro­duk­ti­ons­stät­ten über­all dort, wo Koh­le ver­füg­bar gemacht wer­den konn­te. Die Dampf­ma­schi­ne revo­lu­tio­nier­te zudem nicht nur die Fer­ti­gung, son­dern auch den Trans­port­sek­tor: Dampf-Loko­mo­ti­ven und ‑Schif­fe ver­netz­ten die Welt, senk­ten die Logis­tik­kos­ten und beschleu­nig­ten den glo­ba­len Handel.

Das Erbe der Beschleunigung

Mit der Dampf­ma­schi­ne und der indus­tri­el­len Nut­zung fos­si­ler Ener­gie­trä­ger wur­den Pro­duk­ti­vi­tät durch Effi­zi­enz­stei­ge­rung sowie wirt­schaft­li­ches Wachs­tum zu zen­tra­len Maß­stä­ben gesell­schaft­li­cher Ent­wick­lung erho­ben – sie wur­den gar zu einer exis­ten­zi­el­len Not­wen­dig­keit im Wett­be­werb des frei­en Mark­tes. Obwohl die Dampf­ma­schi­nen längst durch moder­ne­re Tech­no­lo­gien abge­löst sind, lebt das mit ihnen ver­bun­de­ne Grund­prin­zip fort: Ver­bil­li­gung der Pro­duk­ti­on und unge­brems­te Beschleunigung.

Der welt­wei­te Ener­gie­hun­ger wächst — heut­zu­ta­ge ange­trie­ben vor allem durch Elek­tri­fi­zie­rung und Digi­ta­li­sie­rung. Die Dampf­ma­schi­ne bleibt Sym­bol einer Idee des tech­ni­schen Fort­schritts, wel­cher mit glo­ba­len Umwelt­kri­sen unse­rer Zeit einhergeht.

Jus­ti­ne Czerniak

Justine Czerniak leitet den Sammlungsbereich Bauen und Wohnen mit dem Schwerpunkt Haushaltstechnik, kuratiert technik- und kulturhistorische Ausstellungen und steht dem Gremium „Sammlungs- und Ausstellungswerkstatt“ vor. Ein zentrales Interesse ihrer Arbeit liegt in der technikhistorischen Auseinandersetzung mit dem Anthropozän.