Neue Mög­lich­kei­ten in der Restaurierung

Mate­ri­al­ana­ly­se mit der KEYENCE-Einheit

Der Fach­be­reich Restau­rie­rung im Deut­schen Tech­nik­mu­se­um hat seit Sep­tem­ber 2025 ein neu­es Ana­ly­se­ge­rät im Ein­satz. Wie funk­tio­niert es? Was lässt sich damit unter­su­chen? Und wie beein­flusst es die Museumsarbeit?

Mit der Anschaf­fung einer Ana­ly­se-Ein­heit Fir­ma 47 KEY­ENCE, das auf der Tech­no­lo­gie der laser­in­du­zier­ten Break­down-Spek­tro­sko­pie (LIBS) basiert, eröff­nen sich neue Mög­lich­kei­ten in der mate­ri­al­kund­li­chen Unter­su­chung. Die­se Metho­de erlaubt es, bis­lang schwer zugäng­li­che Ana­ly­se­be­rei­che zu erschlie­ßen – und das völ­lig zer­stö­rungs­frei, sowie ohne Pro­ben­ent­nah­me (sofern das Objekt unter die Mess­ein­heit passt). Das Gerät bestimmt die che­mi­sche Zusam­men­set­zung der unter­such­ten Mate­ria­li­en und gibt Aus­kunft dar­über, wel­che Ele­men­te in wel­cher Kon­zen­tra­ti­on ent­hal­ten sind. Die Aus­wer­tung der Mess­ergeb­nis­se erfor­dert jedoch fun­dier­tes Fach­wis­sen über his­to­ri­sche Werk­stof­fe sowie deren zeit­li­che und tech­no­lo­gi­sche Einordnung.

Was kann man damit machen? 

Mit dem Ana­ly­se­ge­rät kön­nen wir ein­zel­ne che­mi­sche Ele­men­te in Mate­ria­li­en bestim­men. Durch die Ermitt­lung der ele­men­ta­ren Zusam­men­set­zung las­sen sich wei­te­re Infor­ma­tio­nen gewinnen: 

- Bestim­mung von Metal­len und Metall­le­gie­run­gen, aus denen musea­le Objek­te her­ge­stellt sind – Iden­ti­fi­ka­ti­on von Pig­men­ten und Füllstoffen

- Nach­weis gefähr­li­cher che­mi­scher Ele­men­te wie Blei (Pb), Arsen (As), Queck­sil­ber (Hg), Cad­mi­um (Cd), Chrom (Cr), Nickel (Ni) und Brom (Br), die ein Gesund­heits­ri­si­ko darstellen

- Bestim­mung von Ver­un­rei­ni­gun­gen und Korrosionsprodukten

- Nach­weis von Asbest (nur in Ver­bin­dung mit mikro­sko­pi­scher Untersuchung)

Was bedeu­tet das neue Ana­ly­se­ge­rät für die Museumsarbeit? 

Die Nut­zung der KEY­ENCE-Ein­heit beein­flusst die Muse­ums­ar­beit in vie­ler­lei Hin­sicht. Muss­te die Ana­ly­se man­cher Mate­ria­li­en in der Ver­gan­gen­heit bei einem exter­nen Dienst­leis­ter durch­ge­führt wer­den, so ist die­se nun etwa schnell und kos­ten­spa­rend im Bereich Restau­rie­rung selbst mög­lich. Möch­te das Muse­um bestimmt Objek­te in sei­ne Samm­lung über­neh­men, las­sen sich im Vor­feld mate­ri­al­tech­ni­sche und kunst­tech­no­lo­gi­sche Unter­su­chun­gen vor­neh­men. Der Erwerb von Fäl­schun­gen oder nicht ori­gi­na­len Objek­ten lässt sich so vermeiden.

Wei­ter­hin trägt die Ana­ly­se-Ein­heit dazu bei, Kon­zep­te für die sach­ge­rech­te Lage­rung beson­ders emp­find­li­cher Objek­te zu ent­wi­ckeln und ein­zu­set­zen. Dane­ben sind durch die Mate­ri­al­be­stim­mung weit­aus prä­zi­se­re Objekt­be­schrei­bun­gen mög­lich. Das hat Ein­fluss etwa auf Objekt­tex­te in Aus­stel­lun­gen, Publi­ka­tio­nen oder bei exter­nen Anfra­gen. Schließ­lich füh­ren die Ana­ly­se-Ergeb­nis­se zu einer Erhö­hung der Daten­qua­li­tät in der Samm­lungs­da­ten­bank des Muse­ums. An zwei Bei­spie­len zur Gefah­ren­stoff­ana­ly­se und Mate­ri­al­i­den­ti­fi­zie­rung von Objek­ten, die sich der­zeit in der Restau­rie­rungs­werk­statt befin­den, las­sen sich die Mög­lich­kei­ten der KEY­ENCE-Ein­heit im Detail zeigen.

Gefahr­stof­fe in his­to­ri­schen Farbschichten 

Unter­sucht wur­de ein stark kor­ro­dier­tes Metall­frag­ment, das zwei deut­lich erkenn­ba­re Farb­schich­ten (rot und grau) auf­weist. Die far­bi­ge Beschich­tung ist größ­ten­teils nicht mehr erhal­ten. Es wur­de ver­mu­tet, dass es sich bei der auf­fäl­li­gen roten Far­be um einen Gefahr­stoff han­deln könn­te. Die ele­men­ta­re Ana­ly­se der roten Farb­schicht ergab das Vor­han­den­sein von Blei (Pb) und Sau­er­stoff (O). Dabei han­delt es sich um Men­ni­ge (ein Pig­ment aus Blei­oxid), das his­to­risch als Grun­die­rung und Kor­ro­si­ons­schutz für Eisen und Stahl ver­wen­det wur­de. Es kam bis ins 20. Jahr­hun­dert zum Ein­satz, ist heu­te jedoch auf­grund sei­ner Gif­tig­keit weit­ge­hend verboten.

Das Pig­ment gilt in fest ein­ge­bun­de­ner Form als rela­tiv unge­fähr­lich. Pro­ble­ma­tisch wird es jedoch, wenn das Bin­de­mit­tel durch Alte­rungs- und Abbau­pro­zes­se sei­ne Funk­ti­on ver­liert: Dann kön­nen hoch­gif­ti­ge Stäu­be frei­ge­setzt wer­den, die beim Bewe­gen der Objek­te, oder beim Restau­rie­rungs­ar­bei­ten (beim Schlei­fen oder Abflam­men alter Anstri­che) ein­ge­at­met oder ver­schluckt wer­den. Als Schwer­me­tall kann sich Blei im Kör­per anrei­chern und zu erheb­li­chen gesund­heit­li­chen Schä­den füh­ren. Daher ist eine Mate­ri­al­ana­ly­se uner­läss­lich, um das Vor­han­den­sein sol­cher Gefahr­stof­fe fest­zu­stel­len und geeig­ne­te Schutz­maß­nah­men gezielt ein­set­zen zu können.

Authen­ti­zi­täts­prü­fung durch Materialbestimmung 

Bei einem wei­te­ren Objekt han­delt es sich um einen mensch­li­chen Schä­del. Es gab eine Anfra­ge des Bereichs Pro­ve­ni­enz­for­schung, ob es sich bei dem Objekt um ech­te mensch­li­che Über­res­te han­delt. Die Authen­ti­zi­tät des Objekts wur­de bereits nach­ge­wie­sen, den­noch wird es hier als Bei­spiel für die­se Ana­ly­se­me­tho­de ver­wen­det. Eine schnel­le Authen­ti­zi­täts­prü­fung kann durch den Nach­weis che­mi­scher Ele­men­te wie Cal­ci­um (Ca) und Phos­phor ℗ erfol­gen, die cha­rak­te­ris­ti­sche Bestand­tei­le von Kno­chen­ma­te­ri­al sind. Ein zwei­tes Bei­spiel ist eine Zan­ge (ein Zube­hör­teil zu einem Diplo­ma­ten­kof­fer), die durch die­se instru­men­tel­le Ana­ly­se in Ver­bin­dung mit Mikro­sko­pie als Elfen­bein iden­ti­fi­ziert wer­den konn­te. Bei vie­len his­to­ri­schen Objek­ten, die auf den ers­ten Blick wie Bein oder ande­res Kno­chen­ma­te­ri­al wir­ken, kann es sich in Wirk­lich­keit um ein Imi­tat aus Cel­lu­lo­se­ni­trat han­deln, das in man­chen Fäl­len nur sehr schwer zu unter­schei­den ist. Eine Ana­ly­se sol­cher Objek­te ist ent­schei­dend für die Ent­wick­lung geeig­ne­ter Lage­rungs­kon­zep­te zum lang­fris­ti­gen Erhalt.

Was kann die Digi­tal­mi­kro­sko­pie der Einheit? 

Mit dem Digi­tal­mi­kro­skop der KEY­ENCE-Ein­heit kön­nen Ober­flä­chen­un­ter­su­chun­gen in ver­schie­de­nen Licht­ver­hält­nis­sen bei Ver­grö­ße­run­gen von 20-fach bis 2000-fach durch­ge­führt wer­den. Damit las­sen sich unter ande­rem fol­gen­de Ana­ly­sen vornehmen: 

- Scha­dens­ana­ly­se und Unter­su­chung von Alte­rungs­spu­ren an unter­schied­li­chen Mate­ria­li­en (zum Bei­spiel Kor­ro­si­ons­pro­duk­te, Aus­blü­hun­gen, Mikrorisse) 

- Erfas­sung von Werk­zeug­spu­ren oder Bear­bei­tungs­tech­ni­ken (zum Bei­spiel Pin­sel­stri­che, Gravuren) 

- prä­zi­se Betrach­tung mikro­sko­pi­scher Details (schwer les­ba­re Auf­schrif­ten, Inschrif­ten und Signaturen) 

- Ana­ly­se von zum Bei­spiel Par­ti­keln, Bin­de­mit­teln und Faserstrukturen

Dank seit­li­cher Beleuch­tung und spe­zi­el­ler Bild­ver­bes­se­rungs­funk­tio­nen kön­nen Ober­flä­chen­struk­tu­ren beson­ders her­vor­ge­ho­ben. Dar­über hin­aus sorgt die Tie­fen­schär­fe­funk­ti­on durch die Zusam­men­set­zung meh­re­rer Bil­der für durch­ge­hend schar­fe Dar­stel­lun­gen über den gesam­ten Fokus­be­reich hin­weg. Zusätz­lich bie­tet das Sys­tem ver­schie­de­ne Ver­mes­sungs­funk­tio­nen. Sie ermög­li­chen die prä­zi­se Bestim­mung von Abstän­den, Durch­mes­sern und Win­keln, was beson­ders bei der Ana­ly­se von Fasern, der Iden­ti­fi­zie­rung von Holz­ar­ten sowie bei der Mes­sung von Schicht­di­cken in Farb­auf­bau­ten hilf­reich ist. Die 3D-Visua­li­sie­rungs­funk­ti­on erlaubt eine detail­lier­te Dar­stel­lung von Ober­flä­chen­struk­tu­ren und Tex­tu­ren. Außer­dem kön­nen grö­ße­re Flä­chen (cir­ca 10 mal 10 Zen­ti­me­ter) durch das Zusam­men­set­zen meh­re­rer mikro­sko­pi­scher Ein­zel­bil­der (Erstel­lung von Navi­ga­ti­ons­auf­nah­men) in hoher Auf­lö­sung dar­ge­stellt und ana­ly­siert werden.

Ins­ge­samt eröff­net das KEY­ENCE-Gerät dem Fach­be­reich Restau­rie­rung neue Ana­ly­se­mög­lich­kei­ten – von der Gefahr­stoff­er­ken­nung bis zur Mate­ri­al­be­stim­mung his­to­ri­scher Objek­te. Damit setzt das Deut­sche Tech­nik­mu­se­um für sich neue Maß­stä­be in der mate­ri­al­tech­ni­schen For­schung – und schafft gleich­zei­tig die Grund­la­ge für künf­ti­ge Lösun­gen in der Objekt­er­hal­tung und ‑for­schung.

Lars König

Lars König studierte Ur- und Frühgeschichte in Greifswald und "Restaurierung Technisches Kulturgut" in Berlin. Er arbeitete unter anderem im Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Filmmuseum Potsdam, im Museum für Kommunikation Berlin oder Cinema-Museum London. Heute ist er leiter des Fachbereichs "Restaurierung" im Deutschen Technikmuseum.

Anna Ste­fa­nia Schulz

Anna Stefania Schulz studierte "Restaurierung und Konservierung moderner Materialien und technischen Kulturguts" an der HTW Berlin. Seit 2021 ist sie dort als Dozentin tätig. Derzeit arbeitet sie als Restauratorin am Deutschen Technikmuseum.

Kon­rad Simon

Konrad Simon studierte nach seiner Ausbildung und darauf folgenden Gesellentätigkeit als Steinmetz/ Steinbildhauer "Restaurierung Technisches Kulturgut" an der HTW Berlin. Nach dem Studium arbeitete er selbstständig unter anderem für das Rheinische Industriemuseum und das Deutsche Technikmuseum. Dort ist er seit 2014 als Restaurator beschäftigt.