Tech­nik im Span­nungs­feld pla­ne­ta­rer Grenzen

Eine Ein­lei­tung

Vom blau­en Pla­ne­ten Erde zu einer 1,3 Giga­ton­nen schwe­ren Tech­no­sphä­re. Die Men­schen haben in einem win­zi­gen Bruch­teil der Erd­zeit die natür­li­chen Lebens­grund­la­gen tief­grei­fend ver­än­dert – mit Aus­wir­kun­gen, die heu­te pla­ne­ta­re Gren­zen überschreiten.

Ein blau­er Pla­net in kos­mi­scher Bewegung

Im Ver­lauf von kaum vor­stell­ba­ren 4,5 Mil­li­ar­den Jah­ren hat sich die Erde all­mäh­lich zu jenem Lebens­ort ent­wi­ckelt, den wir heu­te ken­nen ­– zu einem hoch­kom­ple­xen Sys­tem und fein aus­ta­rier­tem Geflecht von Kräf­ten, Stoff­strö­men und Kreis­läu­fen, die das Leben sowohl ermög­li­chen als auch erhal­ten. Eine klei­ne Kost­pro­be des leben­di­gen Sys­tems Erde:

Die Erde ist der ein­zi­ge Him­mels­kör­per unse­res Son­nen­sys­tems, des­sen Ober­flä­che zu rund zwei Drit­teln von Was­ser bedeckt ist. Aus dem Welt­raum betrach­tet erscheint die Erde über­wie­gend blau und wird des­halb auch „der blaue Pla­net“ genannt. Im Was­ser ent­stand alles Leben. 

Die Atmo­sphä­re schützt zusam­men mit dem Magnet­feld die Erde vor kos­mi­scher Strah­lung: Das Magnet­feld lenkt gela­de­ne Teil­chen wie den Son­nen­wind ab, bevor sie die Atmo­sphä­re durch­drin­gen kön­nen, wäh­rend die Atmo­sphä­re als Puf­fer und Fil­ter wirkt und schäd­li­che Strah­lung absor­biert. Die­se schüt­zen­de Gas­hül­le schafft eine sta­bi­le Umge­bung.1 Ohne die Schutz­schil­de wäre Leben, wie wir es ken­nen, unmöglich.

Alles auf der Erde ist in einem per­ma­nen­ten Wan­del begrif­fen und der Pla­net selbst in stän­di­ger Bewe­gung. Die Erde umrun­det die Son­ne mit fast 30.000 Kilo­me­tern pro Sekun­de, wäh­rend sie gleich­zei­tig mit etwa 464 Meter pro Sekun­de (auf Höhe des Äqua­tors) um die eige­ne Ach­se rotiert. Die­se Bewe­gungs­rich­tun­gen sind nur ein klei­ner Teil eines noch viel grö­ße­ren kos­mi­schen Tan­zes. Gemein­sam mit der Son­ne rast die Erde mit etwa 220 Kilo­me­tern pro Sekun­de um das Zen­trum der Milch­stra­ße und die­se wie­der­um bewegt sich noch schnel­ler durch das Uni­ver­sum. Und alles auf der Erde bewegt sich mit – die Bäu­me, die Mee­re, die Luft und die 8,3 Mil­li­ar­den Men­schen.

Tech­no­sphä­re und Cyborgs

Wür­den wir die unvor­stell­bar lan­gen Zeit­räu­me der Erd­ge­schich­te auf zwölf Stun­den ver­kür­zen, dann wür­de der Mensch erst in den aller­letz­ten Sekun­den auf­tau­chen. Der Homo sapi­ens wan­dert also erst seit Kur­zem über die Erde – und doch hat er sie vor allem in den letz­ten Jahr­tau­sen­den mit Krea­ti­vi­tät und Erfin­dungs­geist tief­grei­fend geformt. Seit dem 18. Jahr­hun­dert hat die Indus­tria­li­sie­rung mit der Stei­ge­rung der Pro­duk­ti­vi­tät den mate­ri­el­len Reich­tum beschleu­nigt anwach­sen las­sen, die seit den 1950er Jah­ren eine „gro­ße Beschleu­ni­gung“ annahm. Dadurch ent­stand in einer rela­tiv kur­zen Zeit­span­ne eine Tech­no­sphä­re, die immer stär­ker in die Bio­sphä­re ein­greift, sie ver­än­dert und zuneh­mend überlagert.

Die Tech­no­sphä­re, das sind all die Gebäu­de und Infra­struk­tu­ren, jedes Smart­phone und jeder Robo­ter, alle Autos, Flug­zeu­ge und Schif­fe, Satel­li­ten und Rake­ten, Werk­zeu­ge, Müll­ber­ge, Klei­dung, Ver­pa­ckun­gen und das all­ge­gen­wär­ti­ge Plas­tik. Die­se Tech­no­sphä­re bringt es mitt­ler­wei­le auf ein unglaub­li­ches Gewicht von rund 1,3 Giga­ton­nen.

Anthro­po­ge­ne Bio­me erzäh­len (…) von „mensch­li­chen Sys­te­men, in die natür­li­che Öko­sys­te­me ein­ge­bet­tet sind. (…) Der größ­te Teil der „Natur“ ist heu­te in anthro­po­ge­ne Mosai­ken der Land­nut­zung und Land­be­de­ckung eingebettet.“

Erle Ellis und Navin Raman­kut­ty in “Put­ting peo­p­le in the map”, 2008

Don­na Har­ra­way dia­gnos­ti­ziert dem aus­ge­hen­den 20. Jahr­hun­dert sogar eine end­gül­ti­ge Auf­lö­sung dicho­to­mer Denk­wei­sen von Mensch und Natur.

„Im spä­ten 20. Jahr­hun­dert, in unse­rer Zeit, einer mythi­schen Zeit, haben wir uns alle in Chi­mä­ren, theo­re­ti­sier­te und fabri­zier­te Hybri­de aus Maschi­ne und Orga­nis­mus ver­wan­delt, kurz, wir sind Cyborgs.“

Don­na Har­ra­way in “Ein Mani­fest für Cyborgs,1985

Die pla­ne­ta­ren Gren­zen des Wohlstands

Das Kon­zept der pla­ne­ta­ren Gren­zen zeigt, dass tech­ni­sche Ent­wick­lun­gen stets in öko­lo­gi­sche Rah­men­be­din­gun­gen ein­ge­bet­tet sind. Vie­le tech­ni­sche Inno­va­tio­nen haben zwar immer mehr Wohl­stand erzeugt, zugleich aber mitt­ler­wei­le meh­re­re pla­ne­ta­re Gren­zen durch Res­sour­cen­ver­brauch und Emis­sio­nen belas­tet. Das Kon­zept der pla­ne­ta­ren Gren­zen benennt neun zen­tra­le Erd­sys­tem­pro­zes­se, von denen eini­ge – dar­un­ter Kli­ma­wan­del, Bio­di­ver­si­täts­ver­lust und bio­geo­che­mi­sche Kreis­läu­fe – ihre Belas­tungs­gren­zen bereits über­schrit­ten haben. Kipp­punk­te wer­den wahr­schein­li­cher. Wenn sol­che Kipp­punk­te über­schrit­ten wer­den, set­zen sich selbst­ver­stär­ken­de, oft irrever­si­ble Pro­zes­se in Gang, die sich auch durch spä­te­re Gegen­maß­nah­men kaum oder gar nicht mehr auf­hal­ten las­sen. Bei­spie­le sind das Abschmel­zen gro­ßer Eis­schil­de, das Abster­ben des Ama­zo­nas-Regen­wal­des oder das Auf­tau­en von Per­ma­frost, wodurch zusätz­li­che Treib­haus­ga­se frei­ge­setzt wer­den und sich der Kli­ma­wan­del wei­ter beschleu­nigt. Die Fol­gen rei­chen von dras­ti­schen Ver­än­de­run­gen von Öko­sys­te­men und Wet­ter­mus­tern bis hin zu erheb­li­chen Risi­ken für Ernäh­rungs­si­cher­heit, Was­ser­ver­füg­bar­keit, Wirt­schaft und gesell­schaft­li­che Sta­bi­li­tät. Die schöp­fe­ri­sche Kraft des Men­schen, sein tech­ni­scher Erfin­dungs­reich­tum hat solch weit­rei­chen­de Neben­wir­kun­gen, dass der Mensch in der Zwi­schen­zeit qua­si selbst zu einer Natur­ge­walt gewor­den ist. Dar­aus ergibt sich die drin­gen­de Not­wen­dig­keit, tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lung, poli­ti­sche Steue­rung und gesell­schaft­li­che Prak­ti­ken kon­se­quent an öko­lo­gi­schen Leit­plan­ken auszurichten.

Udo Jür­gens besang den geschil­der­ten Zustand in dem Lied „Die Kro­ne der Schöpfung“:

„Was küm­mert uns die Zukunft, wir beich­ten im Gebet. Ver­zeih mir mein Herr mei­ne Hab­gier, denn mein ist der Pla­net! (…) Wir fra­gen nicht, wir neh­men, wir leben uns’­re Gier! Denn nach uns kommt die Sint­flut, doch erst­mal kom­men wir!“

Udo Jür­gens in „Die Kro­ne der Schöp­fung, 1999

Die Ära der Selbstgefährdung

Weg­werf- bzw. Kon­sum­ge­sell­schaft oder Plas­tik­zeit­al­ter — In sol­chen Schlag­wor­ten drückt sich die Kehr­sei­te des tech­ni­schen Fort­schritts und Wohl­stands aus. Die Begrif­fe beschrei­ben zen­tra­le Kenn­zei­chen der auf unend­li­chen Wachs­tum aus­ge­rich­te­ten Wirt­schafts­wei­se, die natür­li­che Res­sour­cen in kur­zen Ver­wer­tungs­zy­klen ver­braucht und in die­sen Pro­zes­sen rie­si­ge Men­gen toxi­schen Mülls sowie Treib­haus­ga­se pro­du­ziert, die die Umwelt belas­ten und das Kli­ma anhei­zen. Die ver­ur­sach­ten pla­ne­ta­ren Ver­än­de­run­gen kon­fron­tie­ren uns mit den brand­ge­fähr­li­chen Fol­gen des immensen mate­ri­el­len Reich­tums des heu­ti­gen Zeitalters.

Die glo­ba­le Durch­schnitts­tem­pe­ra­tur beträgt etwa 15 Grad Cel­si­us. Der Mensch ist auf die damit zusam­men­hän­gen­den rela­tiv sta­bi­len kli­ma­ti­schen Bedin­gun­gen ange­wie­sen. Nach aktu­el­lem Stand gilt ein Anstieg um 1,5 Grad als unver­meid­lich; eine Erwär­mung über 2 Grad wür­de die Lebens­be­din­gun­gen für die mensch­li­che Zivi­li­sa­ti­on ernst­haft ins Wan­ken brin­gen. For­schen­de welt­weit war­nen ein­dring­lich, dass die Über­schrei­tung pla­ne­ta­rer Kipp­punk­te schwer vor­her­seh­ba­re und irrever­si­ble Fol­gen haben kann. Die pro­fit­ori­en­tier­te Wirt­schafts­wei­se des unbe­grenz­ten Wachs­tums las­sen uns jedoch an einem Pfad fest­hal­ten, der die Zukunft der Mensch­heit gefährdet.

„Der Glo­ba­le Süden ist des Wohl­stands in der Geschich­te beraubt wor­den. Nach Stan­dards der Ver­tei­lungs­ge­rech­tig­keit ist die For­de­rung am höhe­ren Lohn die­ser Wirt­schaft rich­tig. Doch das beweist gleich­zei­tig, wie tief wir im Sumpf der gro­ßen Ver­blen­dung ste­cken. Unser Leben und die Ent­schei­dun­gen, die wir tref­fen, sind von einem his­to­ri­schen Mus­ter umrahmt, das uns kei­ne ande­re Rich­tung mehr vor­zu­ge­ben scheint, als die eige­ne Selbstvernichtung.“

Ami­tav Gosh, in sei­nem Buch „Die gro­ße Ver­blen­dung“, 2017

Tech­nik in Bezügen

Zur „DNA“ des Deut­schen Tech­nik­mu­se­ums gehört, die für Tech­nik­mu­se­en nach wie vor eher typi­sche, linea­re Fort­schritts­er­zäh­lung kri­tisch zu hin­ter­fra­gen und die Ambi­va­lenz tech­ni­scher Ent­wick­lung zu behan­deln. Die Rubrik Per­spek­ti­ve Pla­net knüpft an die mit der Muse­ums­grün­dung 1983 ein­her­ge­hen­de Tra­di­ti­on der kri­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung mit Tech­nik an und erwei­tert den „Bezü­ge-Hori­zont“ um die Per­spek­ti­ve Planet.

Es braucht neue tech­ni­sche Lösun­gen, um die beschleu­nig­ten pla­ne­ta­ren Ver­än­de­run­gen wie­der zu ver­lang­sa­men – das ist gar kei­ne Fra­ge. Es braucht aber in einer sys­te­mi­schen Rea­li­tät mehr, um eine nach­hal­ti­ge Wen­de zu bewir­ken. Es braucht kul­tu­rel­le, sozia­le wie wirt­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen, die Wer­te wie Tem­po und Neu­wer­tig­keit um jeden Preis, Slo­gans wie „schnel­ler, höher und wei­ter“ ernst­haft infra­ge stel­len und ihre bru­ta­le Zer­stö­rungs­macht offenbaren.

Die Bei­trags­rei­he Per­spek­ti­ve Pla­net begreift Tech­nik als Teil eines gro­ßen Sys­tem­zu­sam­men­hangs und macht die Bezie­hungs­net­ze aus der Per­spek­ti­ve des Pla­ne­ten Erde sicht­bar. Das erwei­tert den Unter­su­chungs­ho­ri­zont tech­ni­scher Objek­te in zwei Rich­tun­gen: Zum einen wer­den Pro­zes­se und Dyna­mi­ken der Res­sour­cen­ge­win­nung und Pro­duk­ti­on betrach­tet, zum ande­ren die lang­fris­ti­gen Umwelt­fol­gen von Nut­zung und Ent­sor­gung. Ziel ist, Tech­nik­fol­gen für den Pla­ne­ten Erde zu beleuch­ten, nega­ti­ve Rück­kopp­lungs­ef­fek­te unse­rer hoch­tech­ni­sier­ten Welt deut­lich machen und damit für die umwelt­re­le­van­ten Hin­ter­grün­de einer tech­ni­schen Kul­tur zu sensibilisieren.


Beson­de­rer Dank an Astrid Venn und René Spier­ling vom Deut­schen Tech­nik­mu­se­um für den berei­chern­den inhalt­li­chen Aus­tausch und wert­vol­le Impulse.

  1. Die Strah­lung trifft auf die Atmo­sphä­re und das Magnet­feld und beein­flusst deren Eigen­schaf­ten. Zum Bei­spiel absor­biert die Atmo­sphä­re schäd­li­che hoch­en­er­ge­ti­sche Strah­lung (UV, Rönt­gen­strah­lung), wäh­rend das Magnet­feld gela­de­ne Teil­chen ablenkt oder abstößt. Dadurch wird die Strah­lung gestreut, trans­for­miert oder redu­ziert, was die Umwelt­be­din­gun­gen sta­bi­ler macht. ↩︎
Jus­ti­ne Czerniak

Justine Czerniak leitet den Sammlungsbereich Bauen und Wohnen mit dem Schwerpunkt Haushaltstechnik, kuratiert technik- und kulturhistorische Ausstellungen und steht dem Gremium „Sammlungs- und Ausstellungswerkstatt“ vor. Ein zentrales Interesse ihrer Arbeit liegt in der technikhistorischen Auseinandersetzung mit dem Anthropozän.