Wie Kunst­stoff und Kolo­nia­lis­mus zusammenhängen

Wer pro­fi­tiert, wenn ande­re die Kos­ten tragen?

Kunst­stoff – Fort­schritts­sym­bol mit kolo­nia­ler Logik: Was in den Indus­trie­na­tio­nen als prak­ti­sche Ein­weg­lö­sung pro­du­ziert wird, endet in der Ark­tis oder Süd­ost­asi­en als Umwelt­last. Ein Sys­tem, das auf Aus­beu­tung baut – und kei­ne Alter­na­ti­ven zulässt.

Nain ist die nörd­lichs­te Inu­it-Gemein­de im kana­di­schen Nunat­sia­vut. Sie war einer der ers­ten Orte in Neu­fund­land und Labra­dor, wo 2009 ein Ver­bot von Plas­tik­tü­ten für Lebens­mit­tel erlas­sen wur­de, nach­dem Ein­woh­ner, die zum Fischen hin­aus­ge­fah­ren waren, gese­hen hat­ten, wie sich Hun­der­te von Plas­tik­tü­ten unter Was­ser an Fel­sen ver­fan­gen hat­ten. Das Tüten­ver­bot scheint zwar die Zahl der Ein­kaufs­tü­ten im Was­ser ver­rin­gert zu haben, doch vie­le ande­re Arten von Plas­tik­tü­ten sowie Lebens­mit­tel­ver­pa­ckun­gen, Sei­le, Gebäu­de­däm­mung und win­zi­ge, nicht iden­ti­fi­zier­ba­re Plas­tik­tei­le säu­men die Ufer der Gewäs­ser der Regi­on. Kei­ner die­ser Kunst­stof­fe wird in Nain her­ge­stellt. Doch seit Plas­tik in der Ark­tis gefun­den wur­de, suchen Regie­run­gen und For­scher nach Mög­lich­kei­ten, die Plas­tik­ver­schmut­zung durch Gemein­den in der Ark­tis mit Maß­nah­men wie Recy­cling und der Klä­rung von Abwäs­sern zu redu­zie­ren. Die­se Lösungs­an­sät­ze neh­men jedoch den End­punkt der Pipe­line in den Blick — den Punkt, an dem die Kunst­stof­fe bereits Tau­sen­de von Kilo­me­tern von ihrem Pro­duk­ti­ons­ort bis in die Ark­tis zurück­ge­legt haben. Die­se Art von Lösun­gen geht davon aus, dass Kunst­stof­fe wei­ter­hin pro­du­ziert und in den Nor­den impor­tiert wer­den kön­nen und dass die Men­schen dort mit die­ser impor­tier­ten Umwelt­ver­schmut­zung fer­tig wer­den müssen. 

Kolo­nia­lis­mus bezieht sich auf ein Herr­schafts­sys­tem, das einem Kolo­ni­sa­tor Zugang zu Land gewährt, damit er sei­ne Zie­le umset­zen kann. Dabei geht es nicht immer um zu besie­deln­des Land oder zu nut­zen­des Was­ser. Es kann auch den Zugang zu land­ba­sier­ten kul­tu­rel­len Ent­wür­fen und die kul­tu­rel­le Aneig­nung von Sym­bo­len in der Mode bedeu­ten. Es kann den Zugang zu indi­ge­nem Land für wis­sen­schaft­li­che For­schun­gen bedeu­ten. Es kann auch die Nut­zung von Land als Res­sour­ce bedeu­ten, was Umwelt­ver­schmut­zung durch Pipe­lines, Müll­de­po­nien und Recy­cling­an­la­gen zur Fol­ge haben kann. 

“Die Zukunft der Kunst­stof­fe liegt in der Mülltonne.”

Lloyd Stouf­fer, Her­aus­ge­ber der Zeit­schrift Modern Pack­a­ging, erklär­te 1956: „Die Zukunft der Kunst­stof­fe liegt in der Müll­ton­ne.“ Die­se Auf­for­de­rung an die „Kunst­stoff­in­dus­trie, nicht mehr über die ‚Wie­der­ver­wen­dung’ von Ver­pa­ckun­gen nach­zu­den­ken, son­dern sich auf den ein­ma­li­gen Gebrauch zu kon­zen­trie­ren“ stand am Anfang einer Ära des Mas­sen­ver­brauchs von Kunst­stof­fen in Form von Ver­pa­ckun­gen, die heu­te die größ­te Kate­go­rie der welt­weit her­ge­stell­ten Kunst­stoff­pro­duk­te aus­ma­chen. Stouf­fer sah in Ein­weg­ver­pa­ckun­gen eine Mög­lich­keit, neue Märk­te für die noch jun­ge Kunst­stoff­in­dus­trie zu schaf­fen. Die­se Idee setzt den Zugang zu Land vor­aus. Sie geht davon aus, dass Haus­halts­ab­fäl­le abge­holt und zu Depo­nien oder Recy­cling­an­la­gen gebracht wer­den, wo Ein­weg­kunst­stof­fe „ent­sorgt“ wer­den kön­nen. Ohne die­se Infra­struk­tur und den Zugang zu Land, zu indi­ge­nem Land, gibt es kei­ne Mög­lich­keit der Entsorgung. 

Titelseite der Zeitschrift "Modern Plastics" von Juli 1958 mit Illustrationen von Haushaltsgegenständen aus Kunststoff in bunten, grafischen Formen.
In den 1950er Jah­ren beginnt der Mas­sen­ver­brauch von Kunst­stof­fen. Die Fach­zeit­schrift „Modern Pla­s­tics“ war ein Leit­me­di­um der Kunst­stoff­re­vo­lu­ti­on der Nach­kriegs­jah­re.Abbil­dung: Modern Pla­s­tics, Illus­tra­ti­on: Cla­rence Hol­brook Carter

Nain hat kei­ne Ent­sor­gungs­mög­lich­kei­ten. Genau­so wenig wie vie­le ande­re Orte, deren Land für die Ver­schif­fung von Ein­weg­ar­ti­keln oder für Müll­de­po­nien genutzt wird. Das gilt auch für vie­le För­der­ge­bie­te, die das Öl und Gas für die Kunst­stoff­pro­duk­ti­on lie­fern. Die­se befin­den sich unter ande­rem im hohen Nor­den, in Süd­ost­asi­en und West­afri­ka. Eini­ge die­ser Orte die­nen als „Aus­weich­quar­tie­re“ für wohl­ha­ben­de­re Regio­nen, die ihren Abfall expor­tie­ren. Der Begriff „Abfall­ko­lo­nia­lis­mus“ wur­de 1989 im Rah­men des Bas­ler Über­ein­kom­mens des Umwelt­pro­gramms der Ver­ein­ten Natio­nen geprägt, als meh­re­re afri­ka­ni­sche Staa­ten ihre Besorg­nis über die Ent­sor­gung gefähr­li­cher Abfäl­le durch rei­che Län­der in ihrem Hoheits­ge­biet zum Aus­druck brachten.

Fast die Hälf­te des welt­wei­ten Plas­tik­mülls wur­de in Chi­na „ent­sorgt“. Das ende­te im Janu­ar 2018, als Chi­na die Ein­fuhr von Kunst­stoff­ab­fäl­len und ande­ren Mate­ria­li­en ver­bot, wodurch nun (bis 2030) schät­zungs­wei­se 111 Mil­lio­nen Ton­nen Kunst­stoff­ab­fäl­le „hei­mat­los“ wer­den. Recy­cling­pro­gram­me in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten und auf der gan­zen Welt, die für ihre Abfäl­le auf die Nut­zung der Flä­chen ande­rer Län­der ange­wie­sen sind, haben sich ver­lang­samt, wur­den been­det oder pla­nen für die Zeit, wäh­rend sie nach neu­en Lösun­gen suchen, die Ein­la­ge­rung von Kunst­stof­fen. Die nächs­te Run­de der Müll­ko­lo­ni­sie­rung ist der­zeit in Süd­ost­asi­en zu beobachten.

Die nächs­te Run­de der Müll­ko­lo­ni­sie­rung ist der­zeit in Süd­ost­asi­en zu beobachten.

Sie haben viel­leicht schon gehört, dass Chi­na, Indo­ne­si­en, die Phil­ip­pi­nen, Viet­nam und Sri Lan­ka die fünf Län­der sind, die für das meis­te Plas­tik im Meer ver­ant­wort­lich sind. Eini­ge die­ser Län­der sind auch die­je­ni­gen, die eine unver­hält­nis­mä­ßig gro­ße Men­ge an Plas­tik­müll aus ande­ren Regio­nen auf­neh­men. Sie sind zufäl­lig auch die Orte, an denen die Abfall­sys­te­me nicht dem ame­ri­ka­ni­schen Sys­tem von der Müll­ab­fuhr bis zur Müll­de­po­nie ähneln. In wis­sen­schaft­li­chen Arti­keln, in den Medi­en und in Stra­te­gie­pa­pie­ren wird die­sen Regio­nen schlech­tes Abfall­ma­nage­ment vor­ge­wor­fen. Dies ist eine Fort­set­zung des kolo­nia­lis­ti­schen Den­kens, das bestimm­te Land­nut­zun­gen als zivi­li­siert und inte­ger und ande­re als wild und unzu­läng­lich cha­rak­te­ri­siert. So schreibt Cole Har­ris in sei­nem Buch Making Nati­ve Space: Colo­nia­lism, Resis­tance, and Reser­ves in Bri­tish Colum­bia [2002], in der Ver­gan­gen­heit hät­ten die Kolo­ni­sa­to­ren den Ein­hei­mi­schen ein­fach das Land weg­ge­nom­men, wenn die­se es ver­meint­lich nicht „rich­tig“ nutz­ten, mit dem Ziel, es „bes­ser“ zu nut­zen. 1876 wand­te sich ein wei­ßer Kom­mis­sar für India­ner­re­ser­va­te auf Van­cou­ver Island in der Regi­on, die heu­te als Kana­da bekannt ist, an ein „india­ni­sches Publi­kum“ (der Stamm wur­de nicht genannt); die­ses soll­te in Reser­va­te umge­sie­delt wer­den, die nur einen Bruch­teil der Grö­ße sei­ner frü­he­ren Land­flä­chen aus­mach­ten. Der Kom­mis­sar erklär­te: „Das Land hat­te kei­nen Wert für euch. Die Bäu­me hat­ten kei­nen Wert für euch. Die Koh­le hat­te kei­nen Wert für euch. Der wei­ße Mann kam (und) er erschloss den Boden, ihr könnt sei­nem Bei­spiel fol­gen.” Denk­wei­sen wie die­se exis­tie­ren bis heute.

Im Sep­tem­ber 2015 ver­öf­fent­lich­te eine in den USA ansäs­si­ge Umwelt-NGO namens Oce­an Con­ser­van­cy einen Bericht, in dem sie nach Lösun­gen für die Ver­schmut­zung der Mee­re durch Plas­tik sucht. Einer zen­tra­len Emp­feh­lung zufol­ge soll­ten die Län­der Süd­ost­asi­ens beim Bau von Ver­bren­nungs­an­la­gen für Plas­tik­müll mit aus­län­disch finan­zier­ten Unter­neh­men zusam­men­ar­bei­ten. Die­se Emp­feh­lung reiht sich ein in eine lan­ge Ket­te kolo­nia­ler Über­grif­fe ver­schie­de­ner Instan­zen: vom Betre­ten indi­ge­nen Lan­des, um Öl und Gas für die Her­stel­lung von Kunst­stof­fen zu gewin­nen, über die Pro­duk­ti­on von Ein­weg­kunst­stof­fen, für deren Lage­rung und Ein­däm­mung Land benö­tigt wird, bis hin zum Vor­wurf an loka­le und indi­ge­ne Völ­ker, ein „Miss­ma­nage­ment“ impor­tier­ter Abfäl­le zu betrei­ben, und sich dann wie­der­um Zutritt zu Land zu ver­schaf­fen, um ihre „unzi­vi­li­sier­te“ Art der Abfall­be­wirt­schaf­tung auf die­se Wei­se zu beheben.

Ein­weg­plas­tik ist ohne den Zugang der Kolo­ni­sa­to­ren zu Land schlicht­weg nicht möglich.

Der phil­ip­pi­ni­sche Zweig der Glo­bal Alli­ance for Inci­ne­ra­tor Alter­na­ti­ves (GAIA), einer Gras­wur­zel-Koali­ti­on für Umwelt­ge­rech­tig­keit, lehn­te die Emp­feh­lung der Oce­an Con­ser­van­cy zur Abfall­ver­bren­nung ab. Ange­sichts der gesund­heit­li­chen und öko­lo­gi­schen Aus­wir­kun­gen, ins­be­son­de­re in Län­dern mit hoher Luft­ver­schmut­zung wie zum Bei­spiel Chi­na, wo es immer mehr Pro­tes­te gegen Müll­ver­bren­nungs­an­la­gen gibt und wo 69 Pro­zent der bestehen­den Ver­bren­nungs­an­la­gen nach­weis­lich die Grenz­wer­te für Schad­stof­fe über­schrei­ten, sprach sich der phil­ip­pi­ni­sche Arm von GAIA gegen Abfall­ver­bren­nung aus. Sei­ne Ver­tre­ter the­ma­ti­sier­ten die Kos­ten für den Bau und die Instand­hal­tung die­ser Infra­struk­tur und die Fol­gen, die sich dar­aus für die Ver­schul­dung gegen­über aus­län­di­schen Inves­to­ren erge­ben wür­den. Sie schrie­ben dar­über, wie die Ver­bren­nung von Abfäl­len und Plas­tik die kli­ma­schäd­li­che För­de­rung fos­si­ler Brenn­stof­fe in Gang hält. Kurz­um, sie wand­ten sich gegen das gesam­te Sys­tem, das auf dem Zugang zu Land für aus­län­di­sche Indus­trie­un­ter­neh­men und Umwelt­schüt­zer beruht. Die Bemü­hun­gen von GAIA mün­de­ten in eini­gen Kam­pa­gnen. Sie haben dazu bei­getra­gen, etli­che Ver­bren­nungs­an­la­gen, zum Bei­spiel im süd­afri­ka­ni­schen Wel­ling­ton, erfolg­reich zu ver­hin­dern; die Orga­ni­sa­ti­on kämpft wei­ter­hin an ande­ren Fronten.

Der Gebrauch von Ein­weg­pro­duk­ten ist nicht das Ergeb­nis des schlech­ten Ver­hal­tens eini­ger Men­schen und ihrer Ent­schei­dun­gen, bestimm­te Din­ge zu kau­fen und ande­re nicht. Das Kon­zept der Ver­brau­cher­ent­schei­dung ergibt vie­ler­orts kei­nen Sinn. In Nain gibt es nur ein Geschäft. Man kann nur eine Sor­te Ket­chup kau­fen und es gibt nur eine Sor­te Kopf­sa­lat. Bei­des ist in Plas­tik ver­packt, weil die Her­stel­ler davon aus­ge­hen, dass es für die­se Ver­pa­ckun­gen einen Ort der Ent­sor­gung gibt. Aber sie lan­den auf der Müll­kip­pe, wo sie nor­ma­ler­wei­se ver­brannt wer­den, um kei­ne Bären in die Stadt zu locken, und was übrig­bleibt, wird dann ins Was­ser geweht. Es gibt für die Ein­woh­ner schlicht­weg kei­ne Mög­lich­keit, sich anders zu ver­hal­ten. Tüten­ver­bo­te besei­ti­gen das Pro­blem nicht. Und abbau­ba­re Kunst­stof­fe aus Mais wür­den das Pro­blem nur auf ande­ren Boden ver­la­gern. Die Ver­brin­gung von Kunst­stof­fen aus Nain zu einer Recy­cling­an­la­ge in Viet­nam oder anders­wo in Kana­da wür­de zu Umwelt­ver­schmut­zung und dem Ent­wei­chen von Kunst­stoff in ande­ren Regio­nen füh­ren. Ein­weg­plas­tik ist ohne den Zugang der Kolo­ni­sa­to­ren zu Land schlicht­weg nicht mög­lich. Das Ende des Kolo­nia­lis­mus wird auch das Ende des Ein­weg­ge­brauchs von Plas­tik bedeuten.


Der Arti­kel erschien erst­mals im Dezem­ber 2018 in der Serie Pla­s­tic Pla­net der Zeit­schrift Teen Vogue. Dies ist ein Wie­der­ab­druck sei­ner Über­set­zung von Clau­dia Kot­te für den Aus­stel­lungs­ka­ta­log „Plas­tik. Die Welt neu den­ken“ des Vitra Design Muse­ums, mit freund­li­cher Genehmigung.

Max Liboi­ron

Max Liboiron ist Professor*in für Geografie an der Memorial University of Newfoundland und Leiter*in des dortigen Laboratory for Environmental Action Research. Liborion ist Autor*in von Pollution is Colonialism (Duke University Press, 2021) und Mitautorin von Discard Studies: Systems, Wasting, and Power (MIT Press, 2022).