Was ein zerfallender Spielzeugroboter vom Plastikzeitalter erzählen kann

Der Spielzeugroboter lässt seinen Kopf hängen. Grund dafür sind Veränderungen in seiner Materialstruktur. Er ist aus Kunststoff gefertigt – einem Werkstoff, der unsere Welt in kaum mehr als hundert Jahren grundlegend geprägt hat. Dieses Material ist beständiger, als es dem Anschein nach aussieht. Der Spielzeugroboter aus Kunststoff bekommt zwar Risse, wird spröde und irgendwann zerfällt er zu winzigen Partikeln–doch der Stoff verschwindet nicht. Seine Bestandteile können viele Jahrhunderte überdauern und wirksam bleiben: Kunststoffe enthalten oft schädliche Weichmacher, Farbstoffe und andere Zusatzstoffe, die einen giftigen Cocktail ergeben. So wird ein Spielzeug im Laufe seines Lebenszyklus Teil eines weltweiten Umweltproblems.
Der Aufstieg eines Wundermaterials
Plastik begleitet uns von der Wiege bis zur Bahre. Seine Geschichte ist eine beispiellose Erfolgsgeschichte – zumindest, wenn Erfolg daran gemessen wird, wie umfassend, vielfältig und allgegenwärtig ein Material ist. Die weltweite Plastikproduktion ist von zwei Millionen Tonnen im Jahr 1950 auf über 400 Millionen Tonnen in 2025 gestiegen. Kunststoffe sind DIE Werkstoffe der Moderne. In den rund 4,6 Milliarden Jahren Erdgeschichte gab es keinen Stoff, der mit der Palette der über 200 verschiedenen Kunststoffe vergleichbar ist.
Der Aufstieg zum Material der modernen Welt hängt wesentlich mit der Förderung fossiler Rohstoffe zusammen. Kunststoffe werden zu rund 99 Prozent aus Chemikalien hergestellt, die aus fossilen Brennstoffen stammen. Bakelit, aus Steinkohle gewonnen, war 1907 der erste vollsynthetische, industriell produzierte Kunststoff. Doch vor allem seit dem Boom der Erdölförderung Anfang des 20. Jahrhunderts nahm die Produktion der Kunststoffe so richtig Fahrt auf. Die Erfindung des Kunststoffs markiert einen prometheischen Moment. Auf der Basis von Erdöl entstand ein künstlich erzeugter Stoff, der einen bis dahin unerreicht günstigen und sehr flexiblen materiellen Reichtum ermöglichte. Die Welt der Formen und Anwendungen scheint durch die Chemie seitdem grenzenlos.
Die Kunststoffwelt
Wir leben in einer Kunststoffwelt. Kein anderer Werkstoff ist im Alltag seit der Moderne so präsent. Kunststoffe finden sich in einer nahezu unendlichen Vielfalt von Produkten des täglichen Lebens. Sie sind überall – von Möbeln, Kleidung über Elektronik bis hin zur Energie‑, Gesundheits‑, Bau‑, Landwirtschafts‑, Verpackungs- und der Verkehrsindustrie. Wir schlafen in Kunststofffasern, putzen unsere Zähne mit Kunststoffborsten, wandern, schwimmen oder treiben Sport in Multifunktionskleidung, bewahren Lebensmittel in Kunststoffbehältern auf und trinken aus Plastikflaschen. Ob Teppiche, Zahnprothesen, Smartphones oder medizinische Geräte von Kontaktlinsen bis hin zu Herzklappen – wir sind umgeben und durchdrungen von Plastik. Diese Erfolgsgeschichte basiert auf den Eigenschaften von Kunststoffen. Sie sind leicht, formbar, gleichzeitig stabil, langlebig und sehr preiswert zu produzieren. Zudem sind sie sehr resistent, schimmeln und verrotten nicht. Auch das ist sehr praktisch.
Die außergewöhnliche Beständigkeit der Kunststoffe, die ihren Erfolg begründet, ist zugleich das größte Umweltproblem.
Der Preis des Erfolgs
Ein großer Teil des produzierten Plastiks endet als Abfall in der Umwelt, in den Böden, in der Luft und insbesondere in den Gewässern, vor allem in den Ozeanen. Kunststoffe reichern sich nach ihrer Nutzung meistens in der Umwelt an – sogar im Orbit. Beim Zersetzen werden sie spröde und fragmentieren sich in winzige Bestandteile, Mikro- und Nanoplastikpartikel. Diese klitzekleinen Partikel reichern sich über Jahrhunderte, vielleicht sogar Jahrtausende in Gewässern und Böden an. Mehr als 150 Millionen Tonnen Plastik befinden sich bereits in den Ozeanen. Oft bilden sie Müllinseln aus Millionen von Plastikstücken. Die bekannteste Müllinsel ist der sogenannte „Great Pacific Garbage Patch“ zwischen Kalifornien und Hawaii. Der Strudel ist so groß wie Frankreich, Deutschland und Spanien zusammen und damit die größte Müllhalde der Welt. In dem 1,6 Millionen Quadratkilometer großen Strudel schwimmen mehr als 1,8 Trillionen Plastikteile, darunter Bauhelme aus den 1980er Jahren, Zahnbürsten oder Verpackungen von Spielkonsolen aus den 1990er Jahren. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Der größte Teil des Plastiks sinkt zum Meeresboden. Die Müllinseln stören die Lebensräume von Meeresbewohnern und führen zu unvorhergesehenen Veränderungen in der Artenvielfalt. Kurzum: Kunststoffe sind auch Schadstoffe.
Der Begriff Mikroplastik wurde bereits 1990 in einer Studie über Plastik an südafrikanischen Stränden genutzt und definiert die Größe der Partikel mit einem Durchmesser von weniger als fünf Millimetern. Nanoplastik hingegen ist so klein, dass es kaum messbar ist. Inzwischen wurde Mikroplastik in Leitungs- und Mineralwasser, in Honig, Speisesalz, Obst, Fischen, Vögeln, Walen, Gemüse und auch in menschlichen Gehirnen nachgewiesen. Über Gewässer und Böden gelangen die mikroskopisch kleinen Teilchen in die Nahrungskette, werden auch vom Menschen aufgenommen und reichern sich im Körper an. Nach dem Tod zersetzt sich der menschliche Körper. Das Plastik, das sich in ihm angesammelt hat, bleibt jedoch noch viele hunderte Jahre bestehen.
Der zerfallende Spielzeugroboter verkörpert somit das Paradox des Plastikzeitalters: Die Langlebigkeit, die Kunststoff zum Erfolg verhalf, macht ihn nun zu einer der dauerhaftesten Hinterlassenschaften der Gegenwart.