Wun­der­ma­te­ri­al der Moderne

Was ein zer­fal­len­der Spiel­zeug­ro­bo­ter vom Plas­tik­zeit­al­ter erzäh­len kann

Eine skulpturhafte Figur aus einem glänzenden, goldbraunen Material: ein kubischer Körper mit zwei hervorstehenden Augen und einem schlitzförmigen Mund, dazu würfelförmige Arme und Beine, vor lilafarbenem Hintergrund.
Ein namen­lo­ser Spiel­zeug­ro­bo­ter aus den 1980er Jah­ren. Das Expo­nat gehört zur Spiel­zeug­ro­bo­ter-Samm­lung Berns und befin­det sich seit 2011 im Deut­schen Tech­nik­mu­se­um. Der Robo­ter besteht aus einem elas­ti­schen Kunst­stoff, der auf­grund von Ver­än­de­rungs­pro­zes­sen in sei­ner che­mi­schen Struk­tur lang­sam in sich zusam­men­fällt. Foto: Patrick Huth / bull­a­huth fotografie

Der Spiel­zeug­ro­bo­ter lässt sei­nen Kopf hän­gen. Grund dafür sind Ver­än­de­run­gen in sei­ner Mate­ri­al­struk­tur. Er ist aus Kunst­stoff gefer­tigt – einem Werk­stoff, der unse­re Welt in kaum mehr als hun­dert Jah­ren grund­le­gend geprägt hat. Die­ses Mate­ri­al ist bestän­di­ger, als es dem Anschein nach aus­sieht. Der Spiel­zeug­ro­bo­ter aus Kunst­stoff bekommt zwar Ris­se, wird sprö­de und irgend­wann zer­fällt er zu win­zi­gen Partikeln–doch der Stoff ver­schwin­det nicht. Sei­ne Bestand­tei­le kön­nen vie­le Jahr­hun­der­te über­dau­ern und wirk­sam blei­ben: Kunst­stof­fe ent­hal­ten oft schäd­li­che Weich­ma­cher, Farb­stof­fe und ande­re Zusatz­stof­fe, die einen gif­ti­gen Cock­tail erge­ben. So wird ein Spiel­zeug im Lau­fe sei­nes Lebens­zy­klus Teil eines welt­wei­ten Umweltproblems.

Der Auf­stieg eines Wundermaterials

Plas­tik beglei­tet uns von der Wie­ge bis zur Bah­re. Sei­ne Geschich­te ist eine bei­spiel­lo­se Erfolgs­ge­schich­te – zumin­dest, wenn Erfolg dar­an gemes­sen wird, wie umfas­send, viel­fäl­tig und all­ge­gen­wär­tig ein Mate­ri­al ist. Die welt­wei­te Plas­tik­pro­duk­ti­on ist von zwei Mil­lio­nen Ton­nen im Jahr 1950 auf über 400 Mil­lio­nen Ton­nen in 2025 gestie­gen. Kunst­stof­fe sind DIE Werk­stof­fe der Moder­ne. In den rund 4,6 Mil­li­ar­den Jah­ren Erd­ge­schich­te gab es kei­nen Stoff, der mit der Palet­te der über 200 ver­schie­de­nen Kunst­stof­fe ver­gleich­bar ist.

Der Auf­stieg zum Mate­ri­al der moder­nen Welt hängt wesent­lich mit der För­de­rung fos­si­ler Roh­stof­fe zusam­men. Kunst­stof­fe wer­den zu rund 99 Pro­zent aus Che­mi­ka­li­en her­ge­stellt, die aus fos­si­len Brenn­stof­fen stam­men. Bake­lit, aus Stein­koh­le gewon­nen, war 1907 der ers­te voll­syn­the­ti­sche, indus­tri­ell pro­du­zier­te Kunst­stoff. Doch vor allem seit dem Boom der Erd­öl­för­de­rung Anfang des 20. Jahr­hun­derts nahm die Pro­duk­ti­on der Kunst­stof­fe so rich­tig Fahrt auf. Die Erfin­dung des Kunst­stoffs mar­kiert einen pro­me­t­hei­schen Moment. Auf der Basis von Erd­öl ent­stand ein künst­lich erzeug­ter Stoff, der einen bis dahin uner­reicht güns­ti­gen und sehr fle­xi­blen mate­ri­el­len Reich­tum ermög­lich­te. Die Welt der For­men und Anwen­dun­gen scheint durch die Che­mie seit­dem grenzenlos.

Die Kunst­stoff­welt

Wir leben in einer Kunst­stoff­welt. Kein ande­rer Werk­stoff ist im All­tag seit der Moder­ne so prä­sent. Kunst­stof­fe fin­den sich in einer nahe­zu unend­li­chen Viel­falt von Pro­duk­ten des täg­li­chen Lebens. Sie sind über­all – von Möbeln, Klei­dung über Elek­tro­nik bis hin zur Energie‑, Gesundheits‑, Bau‑, Landwirtschafts‑, Ver­pa­ckungs- und der Ver­kehrs­in­dus­trie. Wir schla­fen in Kunst­stoff­fa­sern, put­zen unse­re Zäh­ne mit Kunst­stoff­bors­ten, wan­dern, schwim­men oder trei­ben Sport in Mul­ti­funk­ti­ons­klei­dung, bewah­ren Lebens­mit­tel in Kunst­stoff­be­häl­tern auf und trin­ken aus Plas­tik­fla­schen. Ob Tep­pi­che, Zahn­pro­the­sen, Smart­phones oder medi­zi­ni­sche Gerä­te von Kon­takt­lin­sen bis hin zu Herz­klap­pen – wir sind umge­ben und durch­drun­gen von Plas­tik. Die­se Erfolgs­ge­schich­te basiert auf den Eigen­schaf­ten von Kunst­stof­fen. Sie sind leicht, form­bar, gleich­zei­tig sta­bil, lang­le­big und sehr preis­wert zu pro­du­zie­ren. Zudem sind sie sehr resis­tent, schim­meln und ver­rot­ten nicht. Auch das ist sehr praktisch.

Die außer­ge­wöhn­li­che Bestän­dig­keit der Kunst­stof­fe, die ihren Erfolg begrün­det, ist zugleich das größ­te Umweltproblem.

Der Preis des Erfolgs

Ein gro­ßer Teil des pro­du­zier­ten Plas­tiks endet als Abfall in der Umwelt, in den Böden, in der Luft und ins­be­son­de­re in den Gewäs­sern, vor allem in den Ozea­nen. Kunst­stof­fe rei­chern sich nach ihrer Nut­zung meis­tens in der Umwelt an – sogar im Orbit. Beim Zer­set­zen wer­den sie sprö­de und frag­men­tie­ren sich in win­zi­ge Bestand­tei­le, Mikro- und Nano­plas­tik­par­ti­kel. Die­se klit­ze­klei­nen Par­ti­kel rei­chern sich über Jahr­hun­der­te, viel­leicht sogar Jahr­tau­sen­de in Gewäs­sern und Böden an. Mehr als 150 Mil­lio­nen Ton­nen Plas­tik befin­den sich bereits in den Ozea­nen. Oft bil­den sie Müll­in­seln aus Mil­lio­nen von Plas­tik­stü­cken. Die bekann­tes­te Müll­in­sel ist der soge­nann­te „Gre­at Paci­fic Gar­ba­ge Patch“ zwi­schen Kali­for­ni­en und Hawaii. Der Stru­del ist so groß wie Frank­reich, Deutsch­land und Spa­ni­en zusam­men und damit die größ­te Müll­hal­de der Welt. In dem 1,6 Mil­lio­nen Qua­drat­ki­lo­me­ter gro­ßen Stru­del schwim­men mehr als 1,8 Tril­lio­nen Plas­tik­tei­le, dar­un­ter Bau­hel­me aus den 1980er Jah­ren, Zahn­bürs­ten oder Ver­pa­ckun­gen von Spiel­kon­so­len aus den 1990er Jah­ren. Und das ist nur die Spit­ze des Eis­bergs. Der größ­te Teil des Plas­tiks sinkt zum Mee­res­bo­den. Die Müll­in­seln stö­ren die Lebens­räu­me von Mee­res­be­woh­nern und füh­ren zu unvor­her­ge­se­he­nen Ver­än­de­run­gen in der Arten­viel­falt. Kurz­um: Kunst­stof­fe sind auch Schadstoffe.

Der Begriff Mikro­plas­tik wur­de bereits 1990 in einer Stu­die über Plas­tik an süd­afri­ka­ni­schen Strän­den genutzt und defi­niert die Grö­ße der Par­ti­kel mit einem Durch­mes­ser von weni­ger als fünf Mil­li­me­tern. Nano­plas­tik hin­ge­gen ist so klein, dass es kaum mess­bar ist. Inzwi­schen wur­de Mikro­plas­tik in Lei­tungs- und Mine­ral­was­ser, in Honig, Spei­se­salz, Obst, Fischen, Vögeln, Walen, Gemü­se und auch in mensch­li­chen Gehir­nen nach­ge­wie­sen. Über Gewäs­ser und Böden gelan­gen die mikro­sko­pisch klei­nen Teil­chen in die Nah­rungs­ket­te, wer­den auch vom Men­schen auf­ge­nom­men und rei­chern sich im Kör­per an. Nach dem Tod zer­setzt sich der mensch­li­che Kör­per. Das Plas­tik, das sich in ihm ange­sam­melt hat, bleibt jedoch noch vie­le hun­der­te Jah­re bestehen.

Der zer­fal­len­de Spiel­zeug­ro­bo­ter ver­kör­pert somit das Para­dox des Plas­tik­zeit­al­ters: Die Lang­le­big­keit, die Kunst­stoff zum Erfolg ver­half, macht ihn nun zu einer der dau­er­haf­tes­ten Hin­ter­las­sen­schaf­ten der Gegenwart.

Jus­ti­ne Czerniak

Justine Czerniak leitet den Sammlungsbereich Bauen und Wohnen mit dem Schwerpunkt Haushaltstechnik, kuratiert technik- und kulturhistorische Ausstellungen und steht dem Gremium „Sammlungs- und Ausstellungswerkstatt“ vor. Ein zentrales Interesse ihrer Arbeit liegt in der technikhistorischen Auseinandersetzung mit dem Anthropozän.