Beu­te­gut aus Polen

Model­le wer­den 86 Jah­re nach dem Raub zurückgegeben

Am 17.06.2026 fand im Aus­wär­ti­gen Amt das „Deutsch-Pol­ni­sche Forum“ zum 35-jäh­ri­gen Jubi­lä­um des Deutsch-Pol­ni­schen Nach­bar­schafts­ver­trags statt. Im Rah­men die­ser Ver­an­stal­tung gab der deut­sche Staat Kul­tur­gü­ter an Polen zurück, die wäh­rend der deut­schen Besat­zung geraubt wor­den waren.1 Dazu gehör­ten meh­re­re Objek­te, die seit den 1980er Jah­ren im Lok­schup­pen des Deut­schen Tech­nik­mu­se­ums gezeigt oder im Depot auf­be­wahrt wurden.

Die geraub­ten Gegen­stän­de keh­ren nun zurück nach Polen. Doch wie kamen sie in das erst 1982 gegrün­de­te Deut­sche Technikmuseum?

Sie waren 1940 aus dem besetz­ten Polen nach Ber­lin in das Ver­kehrs- und Bau­mu­se­um (VBM) ver­bracht wor­den. Das VBM wur­de 1906 als König­li­ches Bau- und Ver­kehrs­mu­se­um gegrün­det und im Gebäu­de des 1884 geschlos­se­nen Ham­bur­ger Bahn­hofs ein­ge­rich­tet. In den fol­gen­den Jah­ren wur­de die Samm­lung mit zahl­rei­chen Geschen­ken der Indus­trie und Abga­ben der preu­ßi­schen Staats­bahn bzw. spä­ter der Deut­schen Reichs­bahn erwei­tert und um Ankäu­fe ergänzt. Im Krieg wur­den Tei­le der Samm­lung aus­ge­la­gert, ande­re Tei­le im Zuge der Kriegs­hand­lun­gen ver­nich­tet. Wei­te­re Ver­lus­te ent­stan­den nach dem Krieg durch Abga­ben an die Sowje­ti­sche Mili­tär­ad­mi­nis­tra­ti­on in Deutsch­land sowie durch Dieb­stäh­le.2

Nach dem Ende des Zwei­ten Welt­kriegs ver­blieb das Gelän­de des Ham­bur­ger Bahn­hofs, obwohl jen­seits der Mau­er im West­teil der Stadt gele­gen, bei der Deut­schen Reichs­bahn, wie sich die Bahn­ge­sell­schaft der DDR wei­ter­hin nann­te, und das Muse­um war nicht mehr für die Öffent­lich­keit zugäng­lich. 1983 fand sich in den Ver­hand­lun­gen zwi­schen Ost und West über den S‑Bahn-Betrieb auch eine Lösung für das VBM. Zum 01.02.1984 über­nahm der Ber­li­ner Senat das Muse­ums­ge­bäu­de treu­hän­de­risch, Mitarbeiter:innen des MVT began­nen mit der Sich­tung der Aus­stel­lun­gen und kurz­zei­tig konn­ten zum ers­ten Mal seit 1943 wie­der Besucher:innen ins Muse­um.3 Gebäu­de und Muse­ums­gut wur­den recht­lich von der Ver­wal­tung des ehe­ma­li­gen Reichs­bahn­ver­mö­gens (VdeR; seit 1994 Bun­des­ei­sen­bahn­ver­mö­gen) betreut. 1987 über­nahm das MVT die Samm­lung des VBM von die­sem als Leihgabe.

Uwe Nuß­baum, wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter der Samm­lung Schie­nen­ver­kehr des Muse­ums, begann mit der sys­te­ma­ti­schen Iden­ti­fi­zie­rung und Kata­lo­gi­sie­rung und glich dazu die vor­han­de­nen Objek­te mit der his­to­ri­schen Doku­men­ta­ti­on ab.4 Dabei ent­deck­te er den ent­schei­den­den Hin­weis im Inven­tar­buch des VBM: Dort fin­den sich meh­re­re Ein­trä­ge vom Sep­tem­ber 1940 mit der Anga­be „Vom Ver­kehrs­mu­se­um War­schau über­nom­men“.5 Bei der so bezeich­ne­ten Ein­rich­tung han­delt es sich um das 1931 eröff­ne­te Eisen­bahn­mu­se­um War­schau (Muze­um Kole­j­nict­wa w Wars­za­wie).6

Über das Muse­um, sei­ne Bestän­de und die Umstän­de der Plün­de­rung sind in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ein­zel­ne Arti­kel erschie­nen und so liegt heu­te ein genaue­res Bild vor.

1940 soll eine Kom­mis­si­on, bestehend aus hoch­ran­gi­gen Ver­tre­tern der Deut­schen Reichs­bahn und den Direk­to­ren der Ver­kehrs­mu­se­en in Ber­lin, Nürn­berg und Mün­chen das Muse­um besucht und Objek­te für den Abtrans­port aus­ge­wählt haben. Ein his­to­ri­sches Inven­tar­buch des War­schau­er Muse­ums doku­men­tiert zumin­dest einen Teil der Ver­lus­te aus den ers­ten Mona­ten der deut­schen Besat­zung.7 Bei den Objek­ten mit der Pro­ve­ni­enz War­schau han­delt es sich damit ein­deu­tig um kriegs­be­dingt ver­la­ger­tes Kul­tur­gut („Beu­te­gut“). Sie wur­den wäh­rend der deut­schen Besat­zung völ­ker­rechts­wid­rig aus Polen ent­fernt, nach Ber­lin ins Ver­kehrs- und Bau­mu­se­um ver­bracht und gelang­ten mit die­ser Samm­lung ins MVT.

Auf die­se pro­ble­ma­ti­sche Her­kunft wur­de seit 1987 in den Aus­stel­lungs- und Objekt­tex­ten und 1998 auch in Uwe Nuß­baums Publi­ka­ti­on „Eisen­bahn­mo­del­le: Schät­ze aus dem Ver­kehrs- und Bau­mu­se­um“ hin­ge­wie­sen.8

2003 ver­öf­fent­lich­te das MVT, inzwi­schen „Deut­sches Tech­nik­mu­se­um Ber­lin“, die­se Objek­te in der öffent­lich zugäng­li­chen Daten­bank „Lost Art“ als Fund­mel­dun­gen mit den Pro­ve­ni­enz­an­ga­ben „Ver­kehrs- und Bau­mu­se­um“ und „Ver­kehrs­mu­se­um War­schau“.9 Auf­grund der unter­schied­li­chen Posi­tio­nen Polens und Deutsch­lands bei der Bewer­tung von Beu­te­gut war die Rück­füh­rung von Kul­tur­gü­tern vie­le Jah­re nur schwer mög­lich. Wäh­rend bei der Resti­tu­ti­on von NS-Raub­gut („NS-ver­fol­gungs­be­dingt ent­zo­ge­nes Kul­tur­gut“) die jewei­li­ge Ein­rich­tung direkt mit den Erb:innen über eine gerech­te und fai­re Lösung spricht, ist dies im Fall von Beu­te­gut („kriegs­be­dingt ver­la­ger­tes oder ver­brach­tes Kul­tur­gut“) anders. Hier wird zwi­schen Staa­ten ver­han­delt. Ansprech­part­ner für deut­sche kul­tur­gut­be­wah­ren­de Ein­rich­tun­gen ist das Aus­wär­ti­ge Amt. Ende 2025 wur­de eine deutsch-pol­ni­sche Arbeits­grup­pe ein­ge­rich­tet, die unter Feder­füh­rung des Aus­wär­ti­gen Amtes gemein­sam mit dem pol­ni­schen Kul­tur­mi­nis­te­ri­um, dem Beauf­trag­ten der Bun­des­re­gie­rung für Kul­tur und Medi­en sowie den Bot­schaf­ten bei­der Län­der Rück­ga­be­fäl­le bear­bei­tet. So konn­ten auch die Objek­te aus dem Ver­kehrs­mu­se­um War­schau 86 Jah­re nach ihrem Raub end­lich an Polen zurück­ge­ge­ben werden.

  1. Pres­se­er­klä­rung, 17.06.2026, https://​kul​tur​staats​mi​nis​ter​.de/​p​r​e​s​s​e​/​g​e​m​e​i​n​s​a​m​e​-​v​e​r​a​n​t​w​o​r​t​u​n​g​-​f​u​e​r​-​d​i​e​-​g​e​s​c​h​i​c​h​t​e​-​e​u​r​o​p​a​s​-​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​-​g​i​b​t​-​w​e​i​t​e​r​e​-​k​r​i​e​g​s​b​e​d​i​n​g​t​-​v​e​r​b​r​a​c​h​t​e​-​k​u​l​t​u​r​g​u​e​t​e​r​-​a​n​-​p​o​l​e​n​-​z​u​r​u​eck. ↩︎
  2. Zur Geschich­te des VBM und sei­ner Samm­lun­gen sie­he Uwe Nuß­baum: Eisen­bahn­mo­del­le: Schät­ze aus dem Ver­kehrs- und Bau­mu­se­um (= Ber­li­ner Bei­trä­ge zur Tech­nik­ge­schich­te und Indus­trie­kul­tur, Bd. 17), Ber­lin 1998, S. 11–21. ↩︎
  3. Aus­stel­lung „Rei­se nach Berlin“vom 01.05.1987 bis 01.11.1989 im Ham­bur­ger Bahn­hof. ↩︎
  4. Von 1984 bis zu sei­nem Tod 2008 wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter; sie­he Alfred Gott­wald: Zum Tod von Uwe Nuß­baum, Deut­sches Tech­nik­mu­se­um Ber­lin 4/2008, S. 31. ↩︎
  5. His­to­ri­sches Archiv: I.1.08 SDTB-Objekt­do­ku­men­ta­ti­on VBM, Nr. 14. ↩︎
  6. Zur Geschich­te die­ser Ein­rich­tung und den Kriegs­ver­lus­ten sie­he Zbi­gniew Tuchol­ski: Powo­jen­na odbu­do­wa muze­um komu­ni­ka­c­ji w wars­za­wie, in: Kro­ni­ka wars­za­wy 1/147/2012, hrsg. vom Archi­wum Państ­wo­we m.st. Wars­za­wy, S. 23–33, https://web.archive.org/web/20150113155053/https:/www.warszawa.ap.gov.pl/publikacje/kronika/KW‑1–2012.pdf; ders.: Stra­ty wojen­ne i zniszc­ze­nie Muze­um Komu­ni­ka­c­ji w Wars­za­wie, 2013, https://cennebezcenne.pl/wp-content/uploads/2017/11/CBU_2013_1-4-s-90–95_tucholski.pdf; die Autor:innen bedan­ken sich bei Jus­ti­ne Czer­ni­ak für die Unter­stüt­zung. ↩︎
  7. Tuchol­ski (2012, sie­he Anm. 8) zitiert aus einem Brief von Wldys­law Woy­dy­no, 1937–1945 Kura­tor des War­schau­er Eisen­bahn­mu­se­ums, an die Abtei­lung für Kriegs­re­pa­ra­tio­nen des Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­ums von 1946, der beschreibt, dass es durch den Fund eines Dupli­kats des Inven­tar­buchs in der Zen­tra­le der Eisen­bah­ner­ge­werk­schaft in Kra­kau mög­lich war, zu bestim­men, wie und wohin die Objek­te ver­bracht wur­den (AAN, Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um, Akten­zei­chen 241, Bl. 202–203); im bedeu­ten­den Ver­lust­ka­ta­log von Charles Estrei­cher (Hg.): Cul­tu­ral los­ses of Pol­and: Index of Polish cul­tu­ral los­ses during the Ger­man Occu­pa­ti­on, 1939–1944. Lon­don 1944, fin­det sich auf Sei­te 349 ein Ein­trag zu der hier als Pos­tal and Tele­gra­phic Muse­um (Muze­um Pocz­ty I Tele­komu­ni­ka­c­ji) bezeich­ne­ten Ein­rich­tung mit der Anga­be: „The muse­um was taken over by the Ger­man pos­tal aut­ho­ri­ties, who remo­ved the enti­re coll­ec­tion.” ↩︎
  8. Eine Lis­te der 2008 bekann­ten Objek­te fin­det sich bei Nuß­baum: Eisen­bahn­mo­del­le (wie Anm. 2) auf S. 180, zum Strom­li­ni­en­dampf­zug und die Hin­ter­grün­de sei­ner Ent­wick­lung sie­he S. 79–80. ↩︎
  9. Die Daten­bank Lost Art beinhal­tet Such- und Fund­mel­dun­gen sowohl zu NS-Raub­gut als auch zu Beu­te­gut und wird vom Deut­schen Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te betrie­ben, www​.los​tart​.de. ↩︎
Kat­ja Boegner

Katja Boegner ist Provenienzforscherin. Sie studierte Geschichte und Literaturwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität. Am Deutschen Technikmuseum ist sie seit ihrem Volontariat 2008 beschäftigt.

Peter Prölß

Peter Prölß ist Provenienzforscher. Er studierte Geschichte und Geografie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Am Deutschen Technikmuseum ist er seit 2019 beschäftigt.