Modelle werden 86 Jahre nach dem Raub zurückgegeben

Am 17.06.2026 fand im Auswärtigen Amt das „Deutsch-Polnische Forum“ zum 35-jährigen Jubiläum des Deutsch-Polnischen Nachbarschaftsvertrags statt. Im Rahmen dieser Veranstaltung gab der deutsche Staat Kulturgüter an Polen zurück, die während der deutschen Besatzung geraubt worden waren.1 Dazu gehörten mehrere Objekte, die seit den 1980er Jahren im Lokschuppen des Deutschen Technikmuseums gezeigt oder im Depot aufbewahrt wurden.


Rechts:Das Modell einer Straßenbrücke mit dem originalen Ausstellungsschild „WIADUKT DREWNIANY“ (dt. Holzbrücke).
Fotos: Patrick Huth / bullahuth fotografie



Mitte: Der Dampfkessel trägt eine Metallplakette mit dem Text “Parow. (dt. „Lokschuppen“) Inowrocław 1925“. Der Ort Inowrocław gehörte ab 1920 zur Zweiten Polnischen Republik. Da es sich um ein Demonstrationsobjekt handelt, wurde es vermutlich in einer Lehrwerkstatt gefertigt.
Rechts: Vom Modell eines Stromlinienzuges aus den 1930er Jahren haben sich die Stromlinienschale der Lokomotive und Teile eines Personenwagens erhalten. Die Lokomotivenschale wurde auf der Veranstaltung stellvertretend für die elf Objekte übergeben.
Fotos: Patrick Huth / bullahuth fotografie
Die geraubten Gegenstände kehren nun zurück nach Polen. Doch wie kamen sie in das erst 1982 gegründete Deutsche Technikmuseum?
Sie waren 1940 aus dem besetzten Polen nach Berlin in das Verkehrs- und Baumuseum (VBM) verbracht worden. Das VBM wurde 1906 als Königliches Bau- und Verkehrsmuseum gegründet und im Gebäude des 1884 geschlossenen Hamburger Bahnhofs eingerichtet. In den folgenden Jahren wurde die Sammlung mit zahlreichen Geschenken der Industrie und Abgaben der preußischen Staatsbahn bzw. später der Deutschen Reichsbahn erweitert und um Ankäufe ergänzt. Im Krieg wurden Teile der Sammlung ausgelagert, andere Teile im Zuge der Kriegshandlungen vernichtet. Weitere Verluste entstanden nach dem Krieg durch Abgaben an die Sowjetische Militäradministration in Deutschland sowie durch Diebstähle.2


Abbildung: SDTB
Rechts: Blick in die Ausstellung des VBM um 1910.
Foto: unbekannt, Wikimedia Commons
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verblieb das Gelände des Hamburger Bahnhofs, obwohl jenseits der Mauer im Westteil der Stadt gelegen, bei der Deutschen Reichsbahn, wie sich die Bahngesellschaft der DDR weiterhin nannte, und das Museum war nicht mehr für die Öffentlichkeit zugänglich. 1983 fand sich in den Verhandlungen zwischen Ost und West über den S‑Bahn-Betrieb auch eine Lösung für das VBM. Zum 01.02.1984 übernahm der Berliner Senat das Museumsgebäude treuhänderisch, Mitarbeiter:innen des MVT begannen mit der Sichtung der Ausstellungen und kurzzeitig konnten zum ersten Mal seit 1943 wieder Besucher:innen ins Museum.3 Gebäude und Museumsgut wurden rechtlich von der Verwaltung des ehemaligen Reichsbahnvermögens (VdeR; seit 1994 Bundeseisenbahnvermögen) betreut. 1987 übernahm das MVT die Sammlung des VBM von diesem als Leihgabe.
Uwe Nußbaum, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Sammlung Schienenverkehr des Museums, begann mit der systematischen Identifizierung und Katalogisierung und glich dazu die vorhandenen Objekte mit der historischen Dokumentation ab.4 Dabei entdeckte er den entscheidenden Hinweis im Inventarbuch des VBM: Dort finden sich mehrere Einträge vom September 1940 mit der Angabe „Vom Verkehrsmuseum Warschau übernommen“.5 Bei der so bezeichneten Einrichtung handelt es sich um das 1931 eröffnete Eisenbahnmuseum Warschau (Muzeum Kolejnictwa w Warszawie).6

Über das Museum, seine Bestände und die Umstände der Plünderung sind in den vergangenen Jahren einzelne Artikel erschienen und so liegt heute ein genaueres Bild vor.
1940 soll eine Kommission, bestehend aus hochrangigen Vertretern der Deutschen Reichsbahn und den Direktoren der Verkehrsmuseen in Berlin, Nürnberg und München das Museum besucht und Objekte für den Abtransport ausgewählt haben. Ein historisches Inventarbuch des Warschauer Museums dokumentiert zumindest einen Teil der Verluste aus den ersten Monaten der deutschen Besatzung.7 Bei den Objekten mit der Provenienz Warschau handelt es sich damit eindeutig um kriegsbedingt verlagertes Kulturgut („Beutegut“). Sie wurden während der deutschen Besatzung völkerrechtswidrig aus Polen entfernt, nach Berlin ins Verkehrs- und Baumuseum verbracht und gelangten mit dieser Sammlung ins MVT.

Auf diese problematische Herkunft wurde seit 1987 in den Ausstellungs- und Objekttexten und 1998 auch in Uwe Nußbaums Publikation „Eisenbahnmodelle: Schätze aus dem Verkehrs- und Baumuseum“ hingewiesen.8
2003 veröffentlichte das MVT, inzwischen „Deutsches Technikmuseum Berlin“, diese Objekte in der öffentlich zugänglichen Datenbank „Lost Art“ als Fundmeldungen mit den Provenienzangaben „Verkehrs- und Baumuseum“ und „Verkehrsmuseum Warschau“.9 Aufgrund der unterschiedlichen Positionen Polens und Deutschlands bei der Bewertung von Beutegut war die Rückführung von Kulturgütern viele Jahre nur schwer möglich. Während bei der Restitution von NS-Raubgut („NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut“) die jeweilige Einrichtung direkt mit den Erb:innen über eine gerechte und faire Lösung spricht, ist dies im Fall von Beutegut („kriegsbedingt verlagertes oder verbrachtes Kulturgut“) anders. Hier wird zwischen Staaten verhandelt. Ansprechpartner für deutsche kulturgutbewahrende Einrichtungen ist das Auswärtige Amt. Ende 2025 wurde eine deutsch-polnische Arbeitsgruppe eingerichtet, die unter Federführung des Auswärtigen Amtes gemeinsam mit dem polnischen Kulturministerium, dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie den Botschaften beider Länder Rückgabefälle bearbeitet. So konnten auch die Objekte aus dem Verkehrsmuseum Warschau 86 Jahre nach ihrem Raub endlich an Polen zurückgegeben werden.
- Presseerklärung, 17.06.2026, https://kulturstaatsminister.de/presse/gemeinsame-verantwortung-fuer-die-geschichte-europas-deutschland-gibt-weitere-kriegsbedingt-verbrachte-kulturgueter-an-polen-zurueck. ↩︎
- Zur Geschichte des VBM und seiner Sammlungen siehe Uwe Nußbaum: Eisenbahnmodelle: Schätze aus dem Verkehrs- und Baumuseum (= Berliner Beiträge zur Technikgeschichte und Industriekultur, Bd. 17), Berlin 1998, S. 11–21. ↩︎
- Ausstellung „Reise nach Berlin“vom 01.05.1987 bis 01.11.1989 im Hamburger Bahnhof. ↩︎
- Von 1984 bis zu seinem Tod 2008 wissenschaftlicher Mitarbeiter; siehe Alfred Gottwald: Zum Tod von Uwe Nußbaum, Deutsches Technikmuseum Berlin 4/2008, S. 31. ↩︎
- Historisches Archiv: I.1.08 SDTB-Objektdokumentation VBM, Nr. 14. ↩︎
- Zur Geschichte dieser Einrichtung und den Kriegsverlusten siehe Zbigniew Tucholski: Powojenna odbudowa muzeum komunikacji w warszawie, in: Kronika warszawy 1/147/2012, hrsg. vom Archiwum Państwowe m.st. Warszawy, S. 23–33, https://web.archive.org/web/20150113155053/https:/www.warszawa.ap.gov.pl/publikacje/kronika/KW‑1–2012.pdf; ders.: Straty wojenne i zniszczenie Muzeum Komunikacji w Warszawie, 2013, https://cennebezcenne.pl/wp-content/uploads/2017/11/CBU_2013_1-4-s-90–95_tucholski.pdf; die Autor:innen bedanken sich bei Justine Czerniak für die Unterstützung. ↩︎
- Tucholski (2012, siehe Anm. 8) zitiert aus einem Brief von Wldyslaw Woydyno, 1937–1945 Kurator des Warschauer Eisenbahnmuseums, an die Abteilung für Kriegsreparationen des Verkehrsministeriums von 1946, der beschreibt, dass es durch den Fund eines Duplikats des Inventarbuchs in der Zentrale der Eisenbahnergewerkschaft in Krakau möglich war, zu bestimmen, wie und wohin die Objekte verbracht wurden (AAN, Verkehrsministerium, Aktenzeichen 241, Bl. 202–203); im bedeutenden Verlustkatalog von Charles Estreicher (Hg.): Cultural losses of Poland: Index of Polish cultural losses during the German Occupation, 1939–1944. London 1944, findet sich auf Seite 349 ein Eintrag zu der hier als Postal and Telegraphic Museum (Muzeum Poczty I Telekomunikacji) bezeichneten Einrichtung mit der Angabe: „The museum was taken over by the German postal authorities, who removed the entire collection.” ↩︎
- Eine Liste der 2008 bekannten Objekte findet sich bei Nußbaum: Eisenbahnmodelle (wie Anm. 2) auf S. 180, zum Stromliniendampfzug und die Hintergründe seiner Entwicklung siehe S. 79–80. ↩︎
- Die Datenbank Lost Art beinhaltet Such- und Fundmeldungen sowohl zu NS-Raubgut als auch zu Beutegut und wird vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste betrieben, www.lostart.de. ↩︎