Drucks­tem­pel aus zwei Jahrhunderten

15.000 Stem­pel aus der Bun­des­dru­cke­rei jetzt online

Holzschublade mit vielen runden Vertiefungen, gefüllt mit alten Druckstempeln, beschriftet: "Text halbfette englische Antiqua."
Halb­fet­te Eng­li­sche Anti­qua aus der Decker’schen Schrift­gie­ße­rei, Schrift­grö­ße ca. 20 Punkt. Ber­lin, 1822. Inv.-Nr. 1/2018/0443 008. Foto: SDTB / Cle­mens Kirchner

In der Samm­lung des Deut­schen Tech­nik­mu­se­ums gibt es zwei Schrän­ke mit Stem­peln bzw. typo­gra­fi­schen Patri­zen. Sie wur­den 1983 aus der Bun­des­dru­cke­rei in Ber­lin über­nom­men. Die Schrif­ten und Zei­chen sind viel­fäl­tig. Es gibt auch Stem­pel mit Orna­men­ten, meteo­ro­lo­gi­schen und astro­no­mi­schen Zei­chen, Zif­fern oder Kurs­buch-Zei­chen. Ver­tre­ten sind auch Stem­pel für über 100 Spra­chen. Vie­le davon ste­hen in einem engen Bezug zur König­lich-Preu­ßi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten in Ber­lin. Die Schrift­ar­ten ande­rer Schrift­sys­te­me wur­den für die Wie­der­ga­be von Tex­ten im wis­sen­schaft­li­chen Kon­text verwendet.

Mit der Indus­tria­li­sie­rung und der Grün­dung des Deut­schen Reichs (1871) ent­wi­ckel­te sich Ber­lin zu einer wich­ti­gen Druck­stadt. Im Jahr 1895 befan­den sich 541 Buch­dru­cke­rei­en inner­halb der Haupt­stadt, in denen über 11.000 Arbei­te­rin­nen und Arbei­ter beschäf­tigt waren. Um 1910 gab es in Ber­lin knapp 150 Tages­zei­tun­gen. Im soge­nann­ten Zei­tungs­vier­tel, der süd­li­chen Fried­richs­stadt (Kreuz­berg) waren über 500 Ver­la­ge, Betrie­be und Dru­cke­rei­en aus dem gra­fi­schen Gewer­be ver­tre­ten wie bei­spiels­wei­se Mos­se, Ull­stein oder Scherl. Hier gab es zudem eine gro­ße Zahl spe­zia­li­sier­ter Beru­fe und eine enge Ver­bin­dung zur Pressefotografie.

Her­stel­lung von Schriften

Vor der Erfin­dung des Buch­drucks mit beweg­li­chen Let­tern durch Johan­nes Guten­berg um 1450 wur­den Bücher von Hand abge­schrie­ben. Sie waren rar und auf­grund der auf­wän­di­gen Her­stel­lung und der ver­wen­de­ten Mate­ria­li­en wert­voll. Für das Buch­druck­ver­fah­ren, der Druck­tech­nik, bei denen sich Schrif­ten und Zei­chen immer wie­der neu anord­nen las­sen, wur­den gro­ße Men­gen an Schrift­ma­te­ri­al (Let­tern) benö­tigt. Der Schrift­guss, eben­falls Teil des Buch­drucks, ermög­lich­te sowohl die schnel­le­re Her­stel­lung von Ein­zel­ty­pen aus Metall als auch viel grö­ße­re Men­gen davon.

Der Her­stel­lungs­pro­zess einer ein­zel­nen Let­ter bestand vor allem aus drei Schrit­ten, die auch in der Dau­er­aus­stel­lung zur Schrift- und Druck­tech­nik des Deut­schen Tech­nik­mu­se­ums zu sehen sind: 1. der Schrif­t­ent­wurf in Form von Stem­peln (Patri­zen), 2. die Her­stel­lung der Gegen­druck­form für jedes ein­zel­ne Zei­chen (Matri­ze), und 3. der Schrift­guss, zunächst mit dem Hand­gieß­in­stru­ment und spä­ter mit Schriftgießmaschinen.

Die von der Bun­des­dru­cke­rei über­nom­me­nen ca. 15.000 Stem­pel aus Stahl sind ein­sor­tiert in 133 Schub­la­den. Zeit­lich stam­men sie größ­ten­teils aus der Zeit zwi­schen etwa 1821 und 1928. Jede Patri­ze bzw. jeder Stem­pel ist eine klei­ne Reli­ef­gra­vur eines Buch­sta­bens oder Zei­chens in der ent­spre­chen­den Stär­ke (heu­te v.a. Fett, Kur­siv etc.) oder Grö­ße (ange­ge­ben in ver­schie­de­nen Schrift­grö­ßen und meist nach pt/Punkten). Nach der Här­tung des Stahls wur­den die Stem­pel für Abdru­cke bzw. für eine Prä­gung in klei­ne­re Kup­fer­stü­cke ver­wen­det. Die­se Abschlä­ge wur­den jus­tiert und zu Matri­zen verarbeitet.

An die­sen Tätig­kei­ten waren zahl­rei­che Hand­wer­ker betei­ligt. Wäh­rend im gra­fi­schen Gewer­be auch sehr vie­le Frau­en beschäf­tigt waren und es im Bereich des Schrift­gus­ses sogar den eige­nen Beruf der Schrift­tei­lerin­nen gab, ist davon aus­zu­ge­hen, dass die Reli­ef­gra­vu­ren aus­schließ­lich von Hand­wer­kern gefer­tigt wurden. 

So wur­den die For­men gebil­det, aus denen schließ­lich die in gro­ßen Men­gen benö­tig­ten Metall­let­tern für den Druck im Hand­satz gegos­sen wurden.

Wei­ter­ga­be der Bestän­de über wech­seln­de Firmen 

Die Patri­zen aus den bei­den Schrän­ken stam­men aus meh­re­ren Vor­gän­ger­insti­tu­tio­nen: der König­lich-Preu­ßi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten (1700 bis 1945), der König­lich-Preu­ßi­schen Gehei­men Hof­dru­cke­rei Decker (ca. 1763 bis 1877), der König­lich-Preu­ßi­schen Staats­dru­cke­rei (1852 bis 1879) und der Reichs­dru­cke­rei (ab 1879). Sowohl Decker als auch die Reichs­dru­cke­rei kauf­ten grund­sätz­lich auch Matri­zen von ande­ren Stem­pel­schnei­dern und Schrift­gie­ße­rei­en. Davon sind jedoch kei­ne in der Samm­lung des Deut­schen Tech­nik­mu­se­ums ent­hal­ten. Sie befin­den sich statt­des­sen im Muse­um für Druck­kunst Leip­zig.

Der in Ber­lin erhal­te­ne Bestand

König­lich-Preu­ßi­sche Gehei­me Hof­dru­cke­rei Decker: Bei eini­gen der Patri­zen han­delt es sich um Ergän­zun­gen für Schrif­ten ande­rer Her­stel­ler aus dem frü­hen 19. Jahr­hun­dert, die Decker bereits im 18. Jahr­hun­dert erwor­ben hat­te. Die ältes­ten ein­deu­tig zu iden­ti­fi­zie­ren­den Stem­pel sind eine eng­li­sche Kur­siv­schrift in der Schrift­grö­ße 20 Punkt, wel­che Rudolf Lud­wig Decker 1821 im Alter von 20 Jah­ren wäh­rend sei­ner Aus­bil­dung im Fami­li­en­be­trieb selbst schnitt. Er war spä­ter von 1830 bis zu sei­nem Tod 1877 allei­ni­ger Inha­ber der Hof­dru­cke­rei. 1863 wur­de ihm zum hun­derts­ten Jubi­lä­um der Dru­cke­rei ein Adels­ti­tel verliehen.

Reichs­dru­cke­rei und Preu­ßi­sche Staats­dru­cke­rei: Nach dem Tod Rudolf Lud­wig Deckers kauf­te die Reichs­re­gie­rung des­sen Dru­cke­rei. Zusam­men mit der Preu­ßi­schen Staats­dru­cke­rei bil­de­te die­se 1879 die neue Reichs­dru­cke­rei. Auch die der Reichs­dru­cke­rei ange­schlos­se­ne Schrift­gie­ße­rei stell­te über vie­le Jahr­zehn­te neue Schrif­ten her. Vie­le der Patri­zen in den bei­den Schrän­ken stam­men aus die­ser Zeit. Nur in weni­gen Fäl­len las­sen sich die Hand­wer­ker fest­stel­len, die sie ent­wor­fen und ange­fer­tigt haben. Bei den Reichs­dru­cke­rei-Schrif­ten aus der Zeit um 1900 sind die Gra­veu­re hin­ge­gen bekannt. Einer von ihnen war Georg Schil­ler, der wäh­rend sei­ner Anstel­lung als Gra­veur meh­re­re neue Schrif­ten ent­warf, die er ver­mut­lich auch selbst schnitt. Nach­weis­lich ent­stan­den auf die­se Art Schrif­ten und Zei­chen für den Satz der deut­schen Kata­lo­ge zu den Welt­aus­stel­lun­gen 1900 in Paris und 1904 in St. Lou­is. Prof. Paul Voigt, der die Gra­veur-Abtei­lung zeit­wei­se lei­te­te, war für eini­ge Schrif­ten ver­ant­wort­lich, deren Patri­zen, wie auch die von Schil­ler, in der Samm­lung des Deut­schen Tech­nik­mu­se­ums erhal­ten sind. Erhal­ten ist auch Schrift­ma­te­ri­al, das für Joseph Satt­lers Die Nibe­lun­gen (gedruckt in der Reichs­dru­cke­rei von 1898 bis 1904) ange­fer­tigt wur­de, sowie eine Schrift von Otto Hupp aus Ober­schließ­heim bei München.

König­lich Preu­ßi­sche Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten: Ende des 19. Jahr­hun­derts erhielt die Reichs­dru­cke­rei die Patri­zen der König­lich Preu­ßi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten. Die­se bil­de­ten ande­re Schrift­sys­te­me ab, bei­spiels­wei­se Grie­chisch, Kop­tisch oder alt­ägyp­ti­sche Hie­ro­gly­phen. Eini­ge die­ser Aka­de­mie-Schrif­ten stam­men von dem Stem­pel­schnei­der und Schrift­gie­ße­rei-Besit­zer Fer­di­nand Theinhardt, dar­un­ter eine Hie­ro­gly­phen­schrift in zehn Käs­ten, die er und Augus­tus Bey­er­haus für Karl Richard Lep­si­us nach der preu­ßi­schen Expe­di­ti­on nach Ägyp­ten in den 1840er Jah­ren schnitt bzw. anfer­tig­te. Die­se Hie­ro­gly­phen waren beson­ders erfolg­reich und in meh­re­ren inter­na­tio­na­len Dru­cke­rei­en im Ein­satz, vor allem bis im 20. Jahr­hun­dert in Groß­bri­tan­ni­en eine neue Schrift für den Ägyp­to­lo­gen Sir Alan Gar­di­ner gefer­tigt wurde.

Bezü­ge zu wei­te­ren Sammlungen

Die Samm­lung der Patri­zen-Kabi­net­te der Bun­des­dru­cke­rei ent­hal­ten Ori­gi­na­le nahe­zu aller typo­gra­fi­schen Sti­le vom frü­hen 19. Jahr­hun­dert bis etwa 1928. Sie bil­den die wohl größ­te Samm­lung an Frak­tur­stem­peln, mit Aus­nah­me der Samm­lung Joh. Ensche­dé en Zonen, die heu­te Teil des Noord-Hol­lands archifs in Haar­lem ist.

Als Teil des 1928 erschie­ne­nen Buches Die Schrift­gie­ße­rei­en in Ber­lin von Thur­neysser bis Unger zeig­te der Biblio­the­kar Ernst Crous die Viel­falt der Schrift­pro­duk­ti­on in der Decker’schen Dru­cke­rei. 1929 gab Crous einen Über­blick über die Arbeit der Reichs­dru­cke­rei und deren Schrift­gie­ße­rei. Die­ses Werk wur­de inzwi­schen von der Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin digi­ta­li­siert. 2017 beschrieb Nicho­las Weich­sel­bau­mer die Qua­li­tät der Typo­gra­fie in Deckers Büchern in sei­nem Auf­satz Die Dru­cker­fa­mi­lie Decker Niko­laus und die klas­si­zis­ti­sche Typo­gra­phie in Ber­lin um 1800.

Digi­ta­le Zugäng­lich­keit und Nutzbarkeit 

Im Rah­men des digiS-Pro­jekts „Die Sicht­bar­ma­chung des Sicht­ba­ren – Ber­lins typo­gra­fi­sches Kul­tur­er­be im Open Access“ wur­den 2021/22 nahe­zu alle Schrift­mus­ter, die von den Fir­men Decker und der Reichs­dru­cke­rei her­aus­ge­ge­ben waren, digi­ta­li­siert. Das Pro­jekt wur­de von der Stif­tung Deut­sches Tech­nik­mu­se­um Ber­lin gemein­sam mit der Staats­bi­blio­thek zu Ber­lin, der Kunst­bi­blio­thek der Staat­li­chen Muse­en zu Ber­lin und der Erik Spie­ker­mann Foun­da­ti­on im Rah­men des digiS-För­der­pro­gramms Digi­ta­li­sie­rung 2021 durchgeführt.

Dan Rey­nolds

Dan Reynolds arbeitet am Gutenberg-Institut für Weltliteratur und schriftorientierte Medien, Abt. Buchwissenschaft der JGU Mainz.

Mar­cel Ruhl

Marcel Ruhl ist Archivar im Historischen Archiv des Deutschen Technikmuseums. Er ist für die Verzeichnung der Unternehmensarchive und fachliche Auskünfte zuständig.

Kers­tin Wallbach

Kerstin Wallbach arbeitet im Deutschen Technikmuseum in der Abteilung Sammlung und Ausstellungen sowie im Bereich Finanzen.