15.000 Stempel aus der Bundesdruckerei jetzt online

In der Sammlung des Deutschen Technikmuseums gibt es zwei Schränke mit Stempeln bzw. typografischen Patrizen. Sie wurden 1983 aus der Bundesdruckerei in Berlin übernommen. Die Schriften und Zeichen sind vielfältig. Es gibt auch Stempel mit Ornamenten, meteorologischen und astronomischen Zeichen, Ziffern oder Kursbuch-Zeichen. Vertreten sind auch Stempel für über 100 Sprachen. Viele davon stehen in einem engen Bezug zur Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin. Die Schriftarten anderer Schriftsysteme wurden für die Wiedergabe von Texten im wissenschaftlichen Kontext verwendet.
Mit der Industrialisierung und der Gründung des Deutschen Reichs (1871) entwickelte sich Berlin zu einer wichtigen Druckstadt. Im Jahr 1895 befanden sich 541 Buchdruckereien innerhalb der Hauptstadt, in denen über 11.000 Arbeiterinnen und Arbeiter beschäftigt waren. Um 1910 gab es in Berlin knapp 150 Tageszeitungen. Im sogenannten Zeitungsviertel, der südlichen Friedrichsstadt (Kreuzberg) waren über 500 Verlage, Betriebe und Druckereien aus dem grafischen Gewerbe vertreten wie beispielsweise Mosse, Ullstein oder Scherl. Hier gab es zudem eine große Zahl spezialisierter Berufe und eine enge Verbindung zur Pressefotografie.
Herstellung von Schriften
Vor der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg um 1450 wurden Bücher von Hand abgeschrieben. Sie waren rar und aufgrund der aufwändigen Herstellung und der verwendeten Materialien wertvoll. Für das Buchdruckverfahren, der Drucktechnik, bei denen sich Schriften und Zeichen immer wieder neu anordnen lassen, wurden große Mengen an Schriftmaterial (Lettern) benötigt. Der Schriftguss, ebenfalls Teil des Buchdrucks, ermöglichte sowohl die schnellere Herstellung von Einzeltypen aus Metall als auch viel größere Mengen davon.
Der Herstellungsprozess einer einzelnen Letter bestand vor allem aus drei Schritten, die auch in der Dauerausstellung zur Schrift- und Drucktechnik des Deutschen Technikmuseums zu sehen sind: 1. der Schriftentwurf in Form von Stempeln (Patrizen), 2. die Herstellung der Gegendruckform für jedes einzelne Zeichen (Matrize), und 3. der Schriftguss, zunächst mit dem Handgießinstrument und später mit Schriftgießmaschinen.
Die von der Bundesdruckerei übernommenen ca. 15.000 Stempel aus Stahl sind einsortiert in 133 Schubladen. Zeitlich stammen sie größtenteils aus der Zeit zwischen etwa 1821 und 1928. Jede Patrize bzw. jeder Stempel ist eine kleine Reliefgravur eines Buchstabens oder Zeichens in der entsprechenden Stärke (heute v.a. Fett, Kursiv etc.) oder Größe (angegeben in verschiedenen Schriftgrößen und meist nach pt/Punkten). Nach der Härtung des Stahls wurden die Stempel für Abdrucke bzw. für eine Prägung in kleinere Kupferstücke verwendet. Diese Abschläge wurden justiert und zu Matrizen verarbeitet.
An diesen Tätigkeiten waren zahlreiche Handwerker beteiligt. Während im grafischen Gewerbe auch sehr viele Frauen beschäftigt waren und es im Bereich des Schriftgusses sogar den eigenen Beruf der Schriftteilerinnen gab, ist davon auszugehen, dass die Reliefgravuren ausschließlich von Handwerkern gefertigt wurden.
So wurden die Formen gebildet, aus denen schließlich die in großen Mengen benötigten Metalllettern für den Druck im Handsatz gegossen wurden.
Weitergabe der Bestände über wechselnde Firmen
Die Patrizen aus den beiden Schränken stammen aus mehreren Vorgängerinstitutionen: der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften (1700 bis 1945), der Königlich-Preußischen Geheimen Hofdruckerei Decker (ca. 1763 bis 1877), der Königlich-Preußischen Staatsdruckerei (1852 bis 1879) und der Reichsdruckerei (ab 1879). Sowohl Decker als auch die Reichsdruckerei kauften grundsätzlich auch Matrizen von anderen Stempelschneidern und Schriftgießereien. Davon sind jedoch keine in der Sammlung des Deutschen Technikmuseums enthalten. Sie befinden sich stattdessen im Museum für Druckkunst Leipzig.
Der in Berlin erhaltene Bestand
Königlich-Preußische Geheime Hofdruckerei Decker: Bei einigen der Patrizen handelt es sich um Ergänzungen für Schriften anderer Hersteller aus dem frühen 19. Jahrhundert, die Decker bereits im 18. Jahrhundert erworben hatte. Die ältesten eindeutig zu identifizierenden Stempel sind eine englische Kursivschrift in der Schriftgröße 20 Punkt, welche Rudolf Ludwig Decker 1821 im Alter von 20 Jahren während seiner Ausbildung im Familienbetrieb selbst schnitt. Er war später von 1830 bis zu seinem Tod 1877 alleiniger Inhaber der Hofdruckerei. 1863 wurde ihm zum hundertsten Jubiläum der Druckerei ein Adelstitel verliehen.



Reichsdruckerei und Preußische Staatsdruckerei: Nach dem Tod Rudolf Ludwig Deckers kaufte die Reichsregierung dessen Druckerei. Zusammen mit der Preußischen Staatsdruckerei bildete diese 1879 die neue Reichsdruckerei. Auch die der Reichsdruckerei angeschlossene Schriftgießerei stellte über viele Jahrzehnte neue Schriften her. Viele der Patrizen in den beiden Schränken stammen aus dieser Zeit. Nur in wenigen Fällen lassen sich die Handwerker feststellen, die sie entworfen und angefertigt haben. Bei den Reichsdruckerei-Schriften aus der Zeit um 1900 sind die Graveure hingegen bekannt. Einer von ihnen war Georg Schiller, der während seiner Anstellung als Graveur mehrere neue Schriften entwarf, die er vermutlich auch selbst schnitt. Nachweislich entstanden auf diese Art Schriften und Zeichen für den Satz der deutschen Kataloge zu den Weltausstellungen 1900 in Paris und 1904 in St. Louis. Prof. Paul Voigt, der die Graveur-Abteilung zeitweise leitete, war für einige Schriften verantwortlich, deren Patrizen, wie auch die von Schiller, in der Sammlung des Deutschen Technikmuseums erhalten sind. Erhalten ist auch Schriftmaterial, das für Joseph Sattlers Die Nibelungen (gedruckt in der Reichsdruckerei von 1898 bis 1904) angefertigt wurde, sowie eine Schrift von Otto Hupp aus Oberschließheim bei München.



Rechts: Seite aus „Der Nibelunge“, mit Schrift, Initialen sowie Illustrationen von Joseph Sattler. Herausgegeben von Karl Lachmann. Gedruckt 1898 bis 1904 von der Reichsdruckerei in Berlin.
Scan: Universitätsbibliothek Heidelberg
Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften: Ende des 19. Jahrhunderts erhielt die Reichsdruckerei die Patrizen der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften. Diese bildeten andere Schriftsysteme ab, beispielsweise Griechisch, Koptisch oder altägyptische Hieroglyphen. Einige dieser Akademie-Schriften stammen von dem Stempelschneider und Schriftgießerei-Besitzer Ferdinand Theinhardt, darunter eine Hieroglyphenschrift in zehn Kästen, die er und Augustus Beyerhaus für Karl Richard Lepsius nach der preußischen Expedition nach Ägypten in den 1840er Jahren schnitt bzw. anfertigte. Diese Hieroglyphen waren besonders erfolgreich und in mehreren internationalen Druckereien im Einsatz, vor allem bis im 20. Jahrhundert in Großbritannien eine neue Schrift für den Ägyptologen Sir Alan Gardiner gefertigt wurde.


Foto: Dan Reynolds
Rechts: Original-Stempel für buchkünstlerische Ornamente. Geschnitten von der Reichsdruckerei nach Zeichnungen von Peter Behrens und Bernhard Pankok.
Foto: Clemens Kirchner
Bezüge zu weiteren Sammlungen
Die Sammlung der Patrizen-Kabinette der Bundesdruckerei enthalten Originale nahezu aller typografischen Stile vom frühen 19. Jahrhundert bis etwa 1928. Sie bilden die wohl größte Sammlung an Frakturstempeln, mit Ausnahme der Sammlung Joh. Enschedé en Zonen, die heute Teil des Noord-Hollands archifs in Haarlem ist.
Als Teil des 1928 erschienenen Buches Die Schriftgießereien in Berlin von Thurneysser bis Unger zeigte der Bibliothekar Ernst Crous die Vielfalt der Schriftproduktion in der Decker’schen Druckerei. 1929 gab Crous einen Überblick über die Arbeit der Reichsdruckerei und deren Schriftgießerei. Dieses Werk wurde inzwischen von der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin digitalisiert. 2017 beschrieb Nicholas Weichselbaumer die Qualität der Typografie in Deckers Büchern in seinem Aufsatz Die Druckerfamilie Decker Nikolaus und die klassizistische Typographie in Berlin um 1800.
Digitale Zugänglichkeit und Nutzbarkeit
Im Rahmen des digiS-Projekts „Die Sichtbarmachung des Sichtbaren – Berlins typografisches Kulturerbe im Open Access“ wurden 2021/22 nahezu alle Schriftmuster, die von den Firmen Decker und der Reichsdruckerei herausgegeben waren, digitalisiert. Das Projekt wurde von der Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin gemeinsam mit der Staatsbibliothek zu Berlin, der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin und der Erik Spiekermann Foundation im Rahmen des digiS-Förderprogramms Digitalisierung 2021 durchgeführt.