Mobi­li­tät für die Massen

Das Ford Modell T und die Fließbandfolgen

Schwarzes Oldtimer-Auto mit offener Karosserie, vier Sitzen, Speichenrädern und lila Hintergrund.
Das Ford Modell T gilt als die Iko­ne des for­dis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­sys­tems, das auf der Idee von Mas­sen­pro­duk­ti­on und Mas­sen­kon­sum beruht und mit dem Ver­spre­chen eines sich gegen­sei­tig bedin­gen­den Wachs­tums und Wohl­stands ein­her­geht. Foto: Patrick Huth / bull­a­huth fotografie

Welt­weit wur­den im Jahr 2024 über 67 Mil­lio­nen Pkw pro­du­ziert. In vie­len Indus­trie­staa­ten zählt die Auto­mo­bil­bran­che zu den wich­tigs­ten Wirt­schafts­zwei­gen. 1900 waren es noch weni­ger als 10.000 Stück. Die ent­schei­den­de Beschleu­ni­gung der Pro­duk­ti­ons­men­ge geschah zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts durch die Ein­füh­rung der stan­dar­di­sier­ten Fließ­band­fer­ti­gung bei der Ford Motor Com­pa­ny in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Das ers­te Auto­mo­bil, das auf die­se Art und Wei­se pro­du­ziert wur­de, war das Ford Modell T.

Die Fließ­band­pro­duk­ti­on

Die signi­fi­kan­te Pro­duk­ti­ons­be­schleu­ni­gung setz­te ab 1913 mit der schritt­wei­sen Ein­füh­rung der Fließ­band­mon­ta­ge ein. Durch die Zer­le­gung von Her­stel­lungs­pro­zes­sen in stan­dar­di­sier­te Arbeits­schrit­te konn­ten Fahr­zeu­ge schnel­ler und kos­ten­güns­ti­ger pro­du­ziert wer­den. Wäh­rend Auto­mo­bi­le zuvor Luxus­gü­ter waren, ermög­lich­ten die neu­en Fer­ti­gungs­pro­zes­se eine erheb­li­che Sen­kung von Pro­duk­ti­ons­kos­ten. Der Ver­kaufs­preis eines Modell T vom Fließ­band sank von etwa 850 US-Dol­lar im Jahr 1908 auf weni­ger als 300 US-Dol­lar in den 1920er Jah­ren wäh­rend sich gleich­zei­tig die Mon­ta­ge­zeit eines Fahr­zeugs von rund 12,5 Stun­den auf etwa 93 Minu­ten ver­kürz­te. Vor der Ein­füh­rung der Fließ­band­fer­ti­gung stell­te Ford jähr­lich rund 10.600 Fahr­zeu­ge her. Bereits 1914 pro­du­zier­te das Unter­neh­men in der glei­chen Zeit­span­ne etwa 300.000 Fahr­zeu­ge. Weni­ge Jah­re spä­ter über­schritt die Jah­res­pro­duk­ti­on die Mar­ke von einer Mil­li­on. Bis zum Ende der Pro­duk­ti­on des Modell T im Jahr 1927 wur­den ins­ge­samt mehr als 15 Mil­lio­nen Auto­mo­bi­le her­ge­stellt. Das Modell T wur­de zum Inbe­griff für die stan­dar­di­sier­te Mas­sen­pro­duk­ti­on und des damit ein­her­ge­hen­den Massenkonsums.

Modell T als Massenware

Das Modell T bil­det einen mar­kan­ten Ein­schnitt in der Her­stel­lung von Pro­duk­ten. Das Fließ­band­sys­tem war eine wesent­li­che Schlüs­sel­tech­no­lo­gie der indus­tri­el­len Mas­sen­pro­duk­ti­on. Nach dem Ers­ten Welt­krieg ver­brei­te­te sich die Fließ­band­fer­ti­gung auch in Euro­pa. Das soge­nann­te For­dis­mus-Modell gilt als eines der ein­fluss­reichs­ten tech­no­lo­gi­schen und orga­ni­sa­to­ri­schen Sys­te­me des frü­hen 20. Jahrhunderts.

Die neue Pro­duk­ti­ons­wei­se trug zur Stan­dar­di­sie­run­gen von Arbeits­pro­zes­sen in zahl­rei­chen Bran­chen bei. Zum For­dis­mus-Modell gehör­te nicht nur die Fließ­band­pro­duk­ti­on, son­dern auch der Auf­bau umfang­rei­cher Zulie­fer­netz­wer­ke, Trans­port­in­fra­struk­tu­ren, Roh­stoff­lie­fer­ket­ten sowie Verwaltungs‑, Finan­zie­rungs- und Vertriebswege.Die für die Fließ­band­fer­ti­gung typi­sche mono­to­ne und ein­fa­che Arbeits­wei­se wur­de über Lohn­stei­ge­rung kom­pen­siert. Die bes­se­re Ent­loh­nung erstark­te die Kauf­kraft und bot für immer mehr Men­schen in die­sen Sys­te­men die Mög­lich­keit, die immer preis­wer­ter wer­den­den Pro­duk­te aus Mas­sen­pro­duk­tio­nen kau­fen zu kön­nen. Die sin­ken­den Prei­se und der stei­gen­de Kon­sum tru­gen zum wirt­schaft­li­chen Wachs­tum vie­ler Indus­trie­staa­ten bei. In zahl­rei­chen Län­dern, ins­be­son­de­re in Nord­ame­ri­ka und West­eu­ro­pa, stieg der mate­ri­el­le Lebensstandard.

Neue Pro­duk­ti­ons­for­men und ihre Erdsystemfolgen

Die 1950er und 1960er Jah­re gel­ten als Hoch­pha­se der for­dis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­wei­se in Euro­pa. Es ist die Zeit des Wirt­schafts­wachs­tums und des sich ent­wi­ckeln­den Mas­sen­wohl­stands. Es ist zugleich der Beginn der Gre­at Acce­le­ra­ti­on, der Gro­ßen Beschleu­ni­gung. Die Gro­ße Beschleu­ni­gung ist das zen­tra­le Kon­zept der Erd­sys­tem­for­schung. Es ver­an­schau­licht das ab Mit­te des 20. Jahr­hun­derts ein­set­zen­de, expo­nen­ti­el­le Wachs­tum ver­schie­de­ner sozio­öko­no­mi­scher Trends auf der einen Sei­te und zeigt die dra­ma­ti­sche Aus­wir­kun­gen auf die glo­ba­len Öko­sys­te­me auf der ande­ren Seite.

Das Ford Modell T war damit weit mehr als ein tech­ni­sches Pro­dukt. Es wirk­te als Kata­ly­sa­tor tief­grei­fen­der gesell­schaft­li­cher und öko­lo­gi­scher Transformationen.

Das Phä­no­men der Mas­sen­pro­duk­ti­on ver­än­der­te nicht nur Mobi­li­tät und Raum­struk­tu­ren. Es mar­kiert einen glo­ba­len Ein­fluss auf die natür­li­chen Lebens­grund­la­gen. Mit dem zuneh­men­den Anstieg der Pro­duk­ti­on und des Kon­sums der Pro­duk­te wuchs unauf­hör­lich der Res­sour­cen­ver­brauch sowie die Treib­haus­gas­emis­sio­nen. Die Luft- und Gewäs­ser­ver­schmut­zung nahm im welt­wei­ten Maß­stab expo­nen­ti­ell zu, Abfall- und Schrott­men­gen wach­sen bis heu­te unge­bro­chen. Belas­tun­gen für Öko­sys­te­me und ihre Diver­si­tät neh­men dras­tisch zu. Gleich meh­re­re Ele­men­te der Erd­sys­te­me ste­hen der­zeit auf der Kippe.

Jus­ti­ne Czerniak

Justine Czerniak leitet den Sammlungsbereich Bauen und Wohnen mit dem Schwerpunkt Haushaltstechnik, kuratiert technik- und kulturhistorische Ausstellungen und steht dem Gremium „Sammlungs- und Ausstellungswerkstatt“ vor. Ein zentrales Interesse ihrer Arbeit liegt in der technikhistorischen Auseinandersetzung mit dem Anthropozän.