Städ­te sind immer auch Idealentwürfe

Gibt es die per­fek­te Stadt?

Gibt es die idea­le, per­fek­te Stadt, die öko­no­mi­sche, kul­tu­rel­le, reli­giö­se, ver­kehr­li­che, woh­nungs­wirt­schaft­li­che, öko­lo­gi­sche, hygie­ni­sche und ande­re sozia­le Funk­tio­nen prag­ma­tisch löst und ihnen zugleich eine den All­tag über­hö­hen­de, gar reli­gi­ös-kul­ti­sche Form gibt?

Ange­sichts weit ver­brei­te­ter, oft kul­tur­pes­si­mis­tisch unter­mal­ter Kla­gen, dass „die Moder­ne“ kei­ne lebens­wer­ten Städ­te schaf­fen kön­ne, emo­tio­na­le Bedürf­nis­se igno­rie­re, ästhe­tisch kalt und nur funk­tio­nal auf­tre­te, ist die­se Fra­ge poli­tisch hoch rele­vant: Die AfD etwa hat die Atta­cke auf „die Moder­ne“ und „das Bau­haus“ zum Kern ihres Kul­tur­pro­gramms für Sach­sen-Anhalt gemacht. Wahr­schein­lich stell­te sich die Fra­ge nach der per­fek­ten Stadt schon ganz am Anfang der ers­ten Stadt­for­mun­gen Asi­ens, Euro­pas und Nord­afri­kas vor mehr als zehn­tau­send Jah­ren in den Fluss­tä­lern des Jor­dan, des Nils, des Euphrat und Tigris, des Indus, im heu­ti­gen Chi­na. Ein zen­tra­les, wenn auch kei­nes­wegs abso­lut gel­ten­des Indiz dafür ist die Geo­me­trie der Stadt­an­la­gen. Um sie gegen die Tra­di­ti­on und den sprich­wört­li­chen Och­sen­lauf von Wegen durch­zu­set­zen, braucht es sys­te­ma­ti­sche Pla­nung, Durch­set­zungs­kraft von Zen­tral­re­gie­run­gen und erheb­li­che wirt­schaft­li­che Mög­lich­kei­ten. Außer­dem ver­ra­ten sys­te­ma­ti­sche Plä­ne das Ver­trau­en auf die lang­fris­ti­ge Wir­kungs­kraft solch teu­rer Groß­an­la­gen und damit eine erheb­li­che Zukunfts­zu­ver­sicht: Auch in Jahr­hun­der­ten und Jahr­tau­sen­den wird man noch von unse­ren Leis­tun­gen berich­ten wollen.

Dar­auf deu­ten etwa die gera­den, brei­ten Pracht­stra­ßen, die das Baby­lon Nebu­kad­ne­zars oder die ägyp­ti­schen Königs­städ­te mit gewal­ti­gen Paläs­ten und Tem­peln an ihren Sei­ten durch­zo­gen. Fast genau qua­dra­tisch leg­te Sar­gon II. sei­ne kurz­zei­ti­ge Resi­denz­stadt Dur-Char­rukt­in an, mit den Ecken in die vier Haupt­him­mels­rich­tun­gen. Städ­te des chi­ne­sisch beein­fluss­ten Asi­ens wur­den dage­gen mit Breit- und Längs­sei­ten auf Nord-Süd, Ost-West gepe­gelt. Das Bag­dad des Kali­fen Al-Mans­ur war der Über­lie­fe­rung nach kreis­rund mit den Toren in die vier Him­mels­rich­tun­gen ange­legt; es war bis zu sei­ner Zer­stö­rung durch die Mon­go­len 1258 weit über die isla­mi­sche Welt hin­aus der Maß­stab dafür, wie eine Metro­po­le aus­zu­se­hen hat.

Aber schon der grie­chi­sche Phi­lo­soph Pla­ton beschrieb das mythi­sche Atlan­tis als idea­le, kreis­run­de Metro­po­le aus Rin­gen von Land und mit Was­ser gefüll­ten Kanä­len – eine Uto­pie, die sich noch im Plan Ams­ter­dams aus dem 16. Jahr­hun­dert mit sei­nen im wei­ten Halb­kreis um das Stadt­zen­trum ange­leg­ten Grach­ten­gür­tel spie­gelt. Er war mili­tä­risch sinn­voll, spie­gelt aber auch ein­zig­ar­tig die Idea­le einer Kauf­manns-Olig­ar­chie, die in ihrer Stadt Öko­no­mie, Schön­heit, stadt­bür­ger­li­ches Selbst­be­wusst­sein, streng refor­mier­tes Chris­ten­tum und früh­ka­pi­ta­lis­ti­sches Welt­bild erleb­bar machen woll­te. Lud­wig XIV dage­gen ließ sein Ver­sailles als Stadt ent­ste­hen, in der alle Strah­len auf das Bett des die abso­lu­te Herr­schaft bean­spru­chen­den fran­zö­si­schen Königs zie­len – noch radi­ka­ler geformt in der Haupt­stadt des klei­nen Her­zog­tums Baden, Karls­ru­he mit sei­nem bis ins Absur­de gehen­den Sterngrundriss.

Qua­drat, Recht­eck, Kreis, Halb­kreis, Strahl und Stern – all dies sind nicht nur prag­ma­ti­sche, den Ver­brauch von kost­ba­rem Acker­land und die Trans­port­we­ge mini­mie­ren­de Lösun­gen. Es sind auch ideo­lo­gi­sche For­men der Welterklärung. 

Sie demons­trie­ren die Ein­ord­nung des Men­schen in den Ster­nen­kos­mos und den Ver­such, aus die­ser Ein­ord­nung her­aus die Welt zu beherr­schen. Gera­de­zu per­fek­tio­niert wird die­ser Ver­such mit den schier ins end­lo­se aus­zu­wei­ten­den Ras­ter­grund­ris­sen des Hip­po­da­mus von Milet aus dem 6. vor­christ­li­chen Jahr­hun­dert. Sein Buch zur Stadt­pla­nung ist zwar seit der Spät­an­ti­ke ver­lo­ren, wur­de aber im Kern durch die „Poli­ti­ca“ des Aris­to­te­les, vor allem aber in hun­der­ten von anti­ken Stadt­grund­ris­sen über­lie­fert: Danach soll­te die städ­ti­sche Gesell­schaft in drei Klas­sen geglie­dert sein, Hand­wer­ker, Bau­ern und Sol­da­ten. Das Land soll­te ent­spre­chend auf­ge­teilt sein in sol­ches für die Kul­te, die öffent­li­chen Zwe­cke wie Märk­te und Plät­ze für das Zusam­men­kom­men sowie den Raum für die pri­va­ten Häu­ser. Zusam­men­ge­bun­den wird all dies durch ein abs­trak­tes Recht­eck­ras­ter von brei­te­ren Stra­ßen und schma­len Gas­sen zwi­schen den Haus­gar­ten-Höfen. Ein­ge­bun­den in das Ras­ter sind die Plät­ze für gemein­sa­me, also öffent­li­che Funk­tio­nen, ohne dass sich auf den ers­ten Blick Hier­ar­chien able­sen lassen.

Aus der Sicht Leo­nar­do Bene­vo­los, des­sen 1975 erschie­ne­ne (1983 ers­te deut­sche Aus­ga­be), volu­mi­nö­se und reich illus­trier­te „Geschich­te der Stadt“ seit Gene­ra­tio­nen Stadt­pla­nern und Archi­tek­ten als Hand­buch dient, war die­ses Ras­ter Sinn­bild der „Frei­en Stadt in Grie­chen­land“, also der frei gebo­re­nen männ­li­chen Stadt­bür­ger. Tat­säch­lich war das Sys­tem in der grie­chisch­spra­chi­gen Welt von gera­de­zu durch­schla­gen­dem Erfolg, vor allem in den Han­dels­me­tro­po­len Klein­asi­ens, Nord­afri­kas, Syri­ens und der Magna Graecia.

Das lag auch dar­an, dass der hip­po­da­mi­sche Plan die unter­schied­lichs­ten ideo­lo­gi­schen Bedeu­tun­gen ver­tre­ten konn­te, von mon­ar­chi­schen Sys­te­men wie dem in Per­ga­mon, Syri­en und Ägyp­ten genau­so genutzt wer­den konn­te wie von dik­ta­to­ri­schen und demo­kra­tisch- repu­bli­ka­ni­schen. Für alle aber demons­triert es die Bin­dung des Men­schen an den Kos­mos und wenigs­tens im Grund­satz die end­lo­se Aus­deh­nungs­fä­hig­keit der mensch­li­chen Macht als geo­me­tri­sches Weltnetz.

Die Über­nah­me in die römi­sche Mili­tär­ar­chi­tek­tur ver­brei­te­te das Ras­ter­sys­tem dann weit über die grie­chisch­spra­chi­ge Welt hin­aus: Plä­ne mit den zwei sich kreu­zen­den Haupt­stra­ßen und recht­wink­lig dazwi­schen geleg­ten „Insu­lae“ prä­gen bis heu­te hun­der­te aus Kas­tel­len oder römi­schen Grün­dun­gen her­vor­ge­gan­ge­ne Städ­te Euro­pas, Nord­afri­kas und des Nahen Ostens. Es sicher­te die Öko­no­mie der römi­schen Kas­tel­le und Stadt­grün­dun­gen und demons­trier­te den Unter­wor­fe­nen zugleich, wie schier all­mäch­tig Rom und sei­ne Göt­ter sind. Der Ras­ter­plan ist damit ver­gleich­bar der mili­tä­risch an sich unnö­tig in immer glei­cher Höhe und mit glei­chem Turm­ab­stand durch die Hügel­land­schaft Nord­eng­lands geführ­ten Hadria­ni­schen Mau­er. Sie signa­li­siert „den Bar­ba­ren“ und Unter­ta­nen in ihren Erd­hüt­ten und Zel­ten: Rom kann etwas pla­nen, erwirt­schaf­ten, orga­ni­sie­ren und bau­en, das ewig ste­hen wird.

Wie immens ideo­lo­gisch die Bedeu­tung die­ses Ide­al­plans ist, zeigt gera­de der Blick in die Zen­tra­le des Reichs: Trotz der vie­len Stadt­brän­de wur­de Rom selbst nie­mals nach dem hip­po­da­mi­schen Sys­tem umge­plant. Es hielt eisern fest an dem seit der etrus­ki­schen Zeit gewach­se­nen, laby­rin­thi­schen Plan, den der gro­ße Katas­ter­plan der mar­mor­nen For­ma Urbis Romae aus der Zeit Kai­ser Sep­ti­mus Seve­rus über­lie­fert. Der Stadt­plan wur­de so zum Denk­mal des Anspruchs, uralt zu sein und aus die­sem erleb­ba­ren Alter her­aus die ewi­ge Herr­schaft legi­ti­mie­ren zu kön­nen. Ein Ras­ter­grund­riss hier hät­te gezeigt, dass auch Rom sich Rom unter­wer­fen müss­te. Es war eine Ent­schei­dung, die an jene von Athen anschloss, dass zwar den Hafen Piräeus dem Ras­ter­sys­tem unter­warf, in der Anti­ke aber sein Stadt­zen­trum gegen ihn ver­tei­dig­te. Und Jahr­hun­der­te spä­ter waren es Lon­don und Paris, die sich gera­de als Städ­te mit Welt­macht­an­spruch erfolg­reich gegen jede Ras­te­rung wehr­ten, allen­falls den Durch­bruch gro­ßer Stra­ßen­ach­sen zuließen.

Sicher waren dabei oft die Inter­es­sen der Grund­stücks­eig­ner lei­tend. Aber die­se hät­ten, wie Napo­le­on III. und sein Baron Hauss­mann in Paris seit 1848 zeig­ten, über­wun­den wer­den kön­nen. Doch gab es den Wil­len dazu nicht in den Welt­städ­ten. Im Unter­schied zu Rom nach der Erobe­rung der Stadt durch die Trup­pen der Köni­ge von Savoy­en-Ita­li­en nach 1870: Als eine der ers­ten Ent­schei­dun­gen ließ sie die Anla­ge von Ras­ter­grund­ris­sen in den neu­en Vier­teln auch im anti­ken Stadt­kern zu. Sie schlos­sen damit an eine seit dem Mit­tel­al­ter gel­ten­de Tra­di­ti­on an, in der der vom anti­ken Rom über­nom­me­ne Ras­ter­grund­riss eine über alle Prag­ma­tik hin­aus­ge­hen­de Demons­tra­ti­on auch ideel­ler Ansprü­che gewor­den war: Lud­wig der Hei­li­ge ließ ab etwa 1260 Aigues Mor­tes im Rho­ne-Del­ta als Ras­ter­stadt errich­ten, um die Macht des fran­zö­si­schen König­tums über das Mit­tel­meer zu pro­ji­zie­ren – mit einer Kir­che im erle­sens­ten Stil der Königs­go­tik, wie sie sich in Nord­frank­reich ent­wi­ckelt hat­te. Die schwe­di­schen Köni­ge signa­li­sier­ten im 17. Jahr­hun­dert ihre Herr­schaft über den Ost­see­be­reich durch Ras­ter­städ­te mit immer den glei­chen Stel­len für Kir­chen, Rat­häu­ser, Märk­te und gleich gro­ßen Bür­ger­haus- Par­zel­len. Die bran­den­bur­gi­schen Kur­fürs­ten plan­ten seit 1674 mit der Doro­theen­stadt und der Fried­rich­stadt die fürst­li­che Erwei­te­rung ihrer Resi­denz­stadt Ber­lin-Cölln, mit der auf das Schloss bezo­ge­nen Haupt­ach­se der Stra­ße Unter den Lin­den und der ins End­lo­se flu­ten­den Quer­ach­se der heu­ti­gen Fried­rich­stra­ße. Nicht zufäl­lig stan­den an den Ecken die­ses Plans die Kir­chen der in der Stadt ver­tre­te­nen christ­li­chen Kon­fes­sio­nen, aber kei­ne Syn­ago­ge (und schon gar kei­ne Moschee).

Mit der Kolo­ni­al­po­li­tik Spa­ni­ens, Por­tu­gals, Frank­reichs, Groß­bri­tan­ni­ens und der Nie­der­lan­de wuchs das Ras­ter­sys­tem Euro­pas zu einem Welt-Sys­tem, prägt die Städ­te Süd- und Nord­ame­ri­kas, vie­le in Afri­ka und Asien. 

Und wie­der ging es um die Demons­tra­ti­on sowohl poli­ti­scher wie ideel­ler Macht: Meis­tens stand nahe dem poli­ti­schen Zen­trum die­ses Plans auch die Haupt­kir­che der jewei­li­gen Staats­kon­fes­si­on. New York dage­gen, das öko­no­mi­sche und kul­tu­rel­le Zen­trum der jun­gen USA, sah einen sol­chen Platz des Glau­bens in sei­nem gro­ßen Erwei­te­rungs­plan von 1811 dezi­diert nicht vor. So wie nach allem Über­blick bis auf das von den Mor­mo­nen begrün­de­te Salt Lake City kei­ne nord­ame­ri­ka­ni­sche Stadt im Zen­trum des Ras­ters eigens einen Platz für den Bau einer Haupt­kir­che aus­weist. Meist wird er vom Gerichts­ge­bäu­de oder einem Kapi­tol besetzt.

Es sind die Ide­al-Stadt­plä­ne einer Gesell­schaft, die ihren Mit­glie­dern vor allem eines garan­tie­ren will: Das Recht auf die Frei­heit der Ein­zel­nen, das indi­vi­du­el­le „Stre­ben nach Glück“. Dass der Plan Man­hat­tans so oft in Pos­tern, Foto­gra­fien, Zeich­nun­gen, U‑Bahnplänen, T‑Shirts, Auf­kle­bern etc. repro­du­ziert wur­de, eine Iko­ne der Moder­ne ist, liegt also nicht nur an sei­ner gra­fi­schen Schön­heit. Er steht auch für jene ega­li­tä­ren, frei­heit­li­chen, nicht an Reli­gi­on, Haut­far­be oder sons­tig sozi­al gebun­de­nen Idea­le, die letzt­lich die ideel­le Grund­la­ge des uni­ver­sa­len Frei­heits-Ver­spre­chens Ame­ri­kas und „des Wes­tens“ sind. Die gro­ße Fra­ge ist nun: Wie wird die Ide­al­stadt eines Zeit­al­ters aus­se­hen, in dem die­ses Ver­spre­chen nicht mehr unan­ge­foch­ten gilt? In dem der Kli­ma­wan­del ganz neue Stadt­for­men for­dert, gleich­zei­tig der gras­sie­ren­de Natio­na­lis­mus grenz­über­schrei­ten­de Zusam­men­ar­beit schwe­rer macht? Sicher ist: Ange­sichts der Fol­gen des Kli­ma­wan­dels ist eine Kul­tur des wei­te­ren Ver­brauchs von fos­si­len Ener­gie­trä­gern nicht mehr zu recht­fer­ti­gen. Aber rei­ner Ener­gie- und CO2-Spar-Prag­ma­tis­mus reicht nicht aus, um Städ­te zu for­men, in denen Men­schen auch über vie­le Gene­ra­tio­nen leben kön­nen und wol­len. Es braucht eine neue gro­ße Erzäh­lung, um neue Ide­al-Städ­te zu for­men. Es wird aller Vor­aus­sicht nach eine Erzäh­lung sein, in der der seit Jahr­tau­sen­den durch Qua­drat, Recht­eck, Kreis, Stern oder Ras­ter aus­ge­drück­te All­machts­an­spruch des Men­schen kei­ne Rol­le mehr spie­len kann.

Niko­laus Bernau

Nikolaus Bernau ist Architekturkritiker und Kunsthistoriker und forscht und lehrt zur Denkmalpflege-, Wohnungsbau-, Museums- und Bibliotheksgeschichte.