Wie junge Menschen zu “Stadtmachern” werden
Kinder und Jugendliche sind aktive Mitgestaltende in ihrer Stadt. Wenn man ihnen Raum, Vertrauen und echte Verantwortung gibt, entstehen innovative Lösungen, die Städte lebenswerter und zukunftsfähiger machen.
Egal, ob sie in der Stadt oder auf dem Land leben, haben Kinder und Jugendliche ähnliche Bedürfnisse. Ihre Lebensbedingungen sind jedoch oft sehr unterschiedlich. Viele Städte und Gemeinden stellen altersspezifische Angebote für Spiel und Sport bereit und haben geeignete Treffpunkte und Aufenthaltsorte. Mancherorts fehlen solche Angebote jedoch. Für Jugendliche sind besonders öffentliche Räume wichtig. Dort treffen sie sich, probieren sich aus und verbringen gemeinsam ihre Freizeit. Diese Orte helfen ihnen, selbstständig zu werden und ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Gleichzeitig kommt es hier oft zu Konflikten, etwa wenn ihre Nutzung nicht zu den Vorstellungen von Erwachsenen passt.

Neben Plätzen im öffentlichen Raum spielen auch Kultur- und Freizeitangebote eine große Rolle. Sie fördern Gemeinschaft, Gesundheit und Bildung. Doch nicht alle Jugendlichen haben den gleichen Zugang dazu. Auf dem Land oder in benachteiligten Stadtteilen fehlen oft Angebote oder sie sind schwer erreichbar. In Städten gibt es zwar meist mehr Angebote, aber auch hier können knappe Kassen öffentlicher Verwaltung oder kurze Öffnungszeiten den Zugang zu diesen Orten erschweren. Deshalb ist es wichtig, dass Angebote und Orte für Kinder und Jugendliche so gestaltet werden, dass sie für alle erreichbar und attraktiv sind. Doch das ist nicht alles!
Junge Menschen wünschen sich mehr Mitsprache bei der Gestaltung ihrer Umgebung. Sie wollen Orte, an denen sie sich treffen, austauschen und ausprobieren können. Viele sind bereit, sich zu engagieren – wenn man sie lässt. Trotzdem werden sie in Planungsprozesse bisher nur selten einbezogen. Kinder und Jugendliche nutzen Räume anders als Erwachsene. Sie suchen sich ihre Treffpunkte relativ ungeplant und nach eigenem Ermessen aus und möchten diese nach ihren persönlichen Bedürfnissen sowie eigenen Vorstellungen gestalten dürfen. Häufig entstehen dabei kreative und neue Ideen.
Orte nach dem eigenen Gusto gestalten
Kinder und Jugendliche werden in die Planung und Gestaltung des öffentlichen Raums selten eingebunden. Und dass, obwohl sie sich dazu viele Gedanken machen. Sie wünschen sich insbesondere den Erhalt und Ausbau von Infrastruktur für Bildung und Freizeit und sind auch bereit, sich dafür bürgerschaftlich beziehungsweise ehrenamtlich zu engagieren. Umfragen zeigen, dass den jungen Menschen Möglichkeiten und Räume zum Austausch und Ausprobieren wichtig sind. Sie wünschen sich mehr Mitwirkung und Mitgestaltung für sich und für alle Bürgerinnen und Bürger. Gefordert werden flexible Orte, die von verschiedenen Menschen zu unterschiedlichen Zeiten genutzt werden können. Diese Räume sollten offen, vielfältig und gemeinsam gestaltbar sein.
Mit den von Erwachsenen für sie vorgesehenen Räumen arrangieren sich Kinder und Jugendliche daher nur bedingt. Sie wollen selbst Orte finden, diese verändern und an ihre Bedürfnisse anpassen. Gerade in verdichteten, wachsenden Städten mit hohem Nutzungsdruck stoßen sie dabei auf Grenzen: Das Angebot ist knapp oder fehlt ganz. Deshalb rücken häufig jene Räume in den Fokus, die von älteren Generationen noch nicht besetzt sind und nicht auf deren Bedürfnisse zugeschnitten wurden – „unberührte“ Räume, in denen Jugendliche relativ ungestört sind und gleichzeitig Konflikten ausweichen können. Über die Wahl ihrer Treffpunkte definieren sie ihre Zugehörigkeit zu Szenen oder Gruppen.
Kinder und Jugendliche eignen sich die ihnen zur Verfügung stehenden Räume oft unkonventionell an.
Sie handeln pragmatisch und entwickeln Lösungen im Prozess. So entstehen innovative Nutzungsformen, die meist außerhalb formaler Verwaltungsstrukturen liegen. Anders als Erwachsene erkundigen sie sich selten zuerst nach rechtlichen Rahmenbedingungen, sondern starten direkt mit ihren Projekten und lösen auftretende Probleme Schritt für Schritt. Das folgende Beispiel aus Neuruppin zeigt, wie Kinder und Jugendliche sich ihre Stadt vorstellen.
“Dein Park” in Neuruppin – Junge Menschen erfinden ihren Stadtpark neu
In Neuruppin haben Schülerinnen und Schüler einen fast vergessenen Stadtpark in ein lebendiges Zukunftsprojekt verwandelt. Der Park liegt nur wenige Kilometer vom Zentrum entfernt, wurde aber lange kaum genutzt. Mit dem Projekt „DEIN PARK“ wollen Jugendliche das ändern – und den Ort für Mensch und Natur gleichermaßen attraktiv machen. Die Initiative kam direkt aus der Schule. Gemeinsam mit ihrem Lehrer entwickelten die Schülerinnen und Schüler erste Ideen, die schnell zu einer größeren Vision wurden: ein Park für Bewegung, Erholung, Klimaschutz und gemeinschaftliches Leben. Anders als oft üblich wurden sie nicht nur beteiligt, sondern gestalteten das Projekt aktiv selbst.

Seit dem Projektstart haben die Jugendlichen bereits viele Maßnahmen umgesetzt: Sie bauten Nistkästen, um bedrohte Vogelarten zu unterstützen, und entwickelten Laufstrecken, die im Park und digital erlebbar sind. Ein Social- Media-Team machte das Projekt sichtbar, andere arbeiteten an Videos und Konzepten für mögliche Nutzungen. Zukünftig geplant sind unter anderem ein Outdoor-Fitnessbereich, Kunstinstallationen, eine Liegewiese, eine kleine Bühne und Treffpunkte für verschiedene Altersgruppen. Auch technische Ideen brachte die Schülergruppe ein: Gemeinsam mit Studierenden entwickelten sie eine Wetterstation, die das Klima im Park misst. Ziel ist es zu zeigen, wie wichtig solche grünen Orte gerade in Zeiten des Klimawandels sind.
Das Projekt lebt davon, dass Jugendliche selbst Verantwortung übernehmen. Sie planen, organisieren und setzen um – und lernen dabei, wie Stadtentwicklung funktioniert. Gleichzeitig arbeiten sie eng mit der Stadtverwaltung und lokalen Initiativen zusammen. Diese Unterstützung ist wichtig, bringt aber auch Herausforderungen mit sich, etwa durch Vorschriften oder Abstimmungsprozesse. Trotzdem bleibt das Projekt offen und flexibel. Wenn etwas nicht sofort gebaut werden kann, setzen die Jugendlichen auf Aktionen wie gemeinsame Aufräumtage, Sportangebote oder Veranstaltungen im Park. So bleibt der Ort in Bewegung. Ein wichtiger Erfolgsfaktor ist die langfristige Beteiligung: Jüngere Klassen werden immer wieder eingebunden und führen das Projekt weiter. So wächst „DEIN PARK“ Schritt für Schritt. Das Beispiel zeigt deutlich: Wenn Jugendliche echte Freiräume bekommen und ernst genommen werden, können sie ihre Umwelt und ihre Städte aktiv mitgestalten. „DEIN PARK“ ist damit nicht nur ein Parkprojekt, sondern ein Modell für gelungene Jugendbeteiligung und eine lebendige Stadtentwicklung.

Kinder und Jugendliche beim “Stadtmachen” unterstützen
Die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an der Stadtentwicklung scheitert heute nur selten an mangelndem Interesse oder fehlenden Ideen. Vielmehr stehen ihr vor allem strukturelle Hürden im Weg. Zwar gibt es inzwischen verschiedene Beteiligungsformate wie Jugendräte, Worldcafés oder Zukunftworkshops, doch bleiben diese oft oberflächlich. Kinder und Jugendliche können ihre Meinung äußern, haben aber nur selten echten Einfluss auf Entscheidungen. Damit Beteiligung wirksam wird, muss sie dauerhaft in Planungsprozesse integriert werden. Junge Menschen sollten nicht nur angehört, sondern aktiv in die Gestaltung eingebunden werden und Verantwortung übernehmen dürfen.
Verwaltungen orientieren sich an Regeln und Zuständigkeiten und werden durch ein Sicherheitsdenken geprägt. Das steht im Gegensatz zu der offenen und oft experimentellen Herangehensweise von Jugendlichen. Viele Ideen scheitern deshalb an bürokratischen Vorgaben oder langwierigen Genehmigungsprozessen. Hier braucht es mehr Flexibilität und die Bereitschaft, auch neue und nicht vollständig planbare Ansätze zuzulassen. Oft fehlt es an grundlegenden Ressourcen. Zeit, Geld, Räume und Personal sind in vielen Kommunen knapp und es gibt selten feste Ansprechpartner für jugendliche Projekte. Dadurch bleiben viele Initiativen stecken oder kommen gar nicht erst zustande. Um das zu verbessern, müssen Kommunen klare Zuständigkeiten schaffen und Beteiligung sowie Engagement langfristig absichern.
Die Verbindung zwischen Kindern, Jugendlichen und Stadtplanung ist häufig schwach ausgeprägt. Viele junge Menschen wissen nicht, wie sie sich einbringen können, während Verwaltungen Schwierigkeiten haben, passende Zugänge zu schaffen. Vermittler können hier eine wichtige Rolle spielen, indem sie zwischen beiden Seiten übersetzen und Projekte begleiten.
Ein großes und wichtiges Thema ist der Mangel an geeigneten Räumen. Gerade in dicht bebauten Städten gibt es immer weniger Orte, die junge Bürgerinnen und Bürger frei nutzen und selbst gestalten können. Viele Flächen sind bereits verplant oder stark reglementiert. Dabei zeigen Erfahrungen, dass frei verfügbare oder temporär nutzbare Orte wichtige Experimentierfelder sind, in denen kreative Ideen entstehen. Solche Freiräume gezielt bereitzustellen, ist daher ein wichtiger Ansatz.
In Zukunft sollte Stadtplanung stärker als gemeinsamer Prozess verstanden werden. Nicht nur Fachleute, sondern auch Bürgerinnen und Bürger – besonders junge Menschen – sollten daran beteiligt sein. Wenn Kinder und Jugendliche aktiv mitgestalten dürfen und ihnen echte Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet werden, profitieren alle. Städte werden lebendiger, gerechter und zukunftsfähiger. Eine jugendgerechte Stadt zeigt, wie gut eine Gesellschaft funktioniert – heute und in Zukunft.
Die hier wiedergegebene Meinung muss nicht zwingend mit der Meinung des BBSR übereinstimmen.