Wale zwi­schen Öko­sys­tem und Ausbeutung

Wie Oze­an­gi­gan­ten zu rei­nem Roh­stoff wurden

Historische Dose mit der Aufschrift "Nye's Celebrated Sperm Oil", Metallbehälter mit Schraubverschluss, vor lila Hintergrund.
Das metal­li­sche Behält­nis erin­nert in Grö­ße und Form an einen „Flach­mann“. Doch es ent­hält kei­nen Alko­hol, son­dern Wal­rat­öl, auf Eng­lisch „Sperm oil“. Das Gefäß stammt aus der Zeit um 1900, als der indus­tri­el­le Wal­fang Hoch­kon­junk­tur hat­te und der Pott­wal als viel­sei­ti­ger Roh­stoff­lie­fe­rant für zahl­lo­se Pro­duk­te dien­te. Foto: Patrick Huth / bull­a­huth fotografie

Wale sind fas­zi­nie­ren­de Lebe­we­sen. Ihre Vor­fah­ren leb­ten einst an Land und pass­ten sich über Mil­lio­nen Jah­re dem Leben im Was­ser an. Trotz ihres Lebens im Oze­an über die letz­ten 40 Mil­lio­nen Jah­re sind sie Säu­ge­tie­re geblie­ben, die zum Ein- und Aus­at­men an die Mee­res­ober­flä­che schwim­men. Bar­ten­wa­le zäh­len zu den größ­ten Tie­ren, die je auf dem Pla­ne­ten Erde exis­tier­ten: Ein Blau­wal bei­spiels­wei­se kann bis zu 200 Ton­nen wiegen.

Zur Kom­mu­ni­ka­ti­on nut­zen Bar­ten­wa­le kom­ple­xe Gesän­ge, die sich über vie­le hun­der­te Kilo­me­ter aus­brei­ten kön­nen und der Kom­mu­ni­ka­ti­on die­nen. Die­se gehö­ren zu den lau­tes­ten und viel­sei­tigs­ten Klän­gen im Tier­reich. Zahn­wa­le wie der Pott­wal erzeu­gen Klick­lau­te zur Echo­or­tung, mit denen sie ein akus­ti­sches Bild ihrer Umge­bung erstel­len. Pott­wa­le nut­zen dafür eine Sub­stanz in ihrem Vor­der­kopf, den Walrat.

Dün­ger im Nährstoffkreislauf

Wale spie­len eine zen­tra­le Rol­le im Öko­sys­tem der Mee­re. Auf ihren lan­gen Wan­de­run­gen trans­por­tie­ren und ver­tei­len sie Nähr­stof­fe zwi­schen den Ozea­nen, beim Tau­chen wir­beln sie die­se auf. An der Ober­flä­che för­dern ihre Aus­schei­dun­gen das Wachs­tum von Phy­to­plank­ton. Die­se Mikro­or­ga­nis­men bin­den CO₂, pro­du­zie­ren mehr als die Hälf­te des Sau­er­stoffs auf der Erde und bil­den die Basis mari­ner Nah­rungs­ket­ten. Auch nach dem Tod leis­ten Wale einen bedeu­ten­den Bei­trag: Ihre gro­ßen Kada­ver ver­sor­gen die Tief­see mit Nähr­stof­fen und schaf­fen gan­ze Lebens­räu­me. Vor dem indus­tri­el­len Wal­fang war die­ser öko­lo­gi­sche Bei­trag deut­lich grö­ßer, weil es schlicht viel mehr Wale gab. Über die ver­gan­ge­nen Jahr­hun­der­te hin­weg wur­den Wale jedoch mas­siv gejagt und vie­le Bestän­de nahe­zu ausgerottet.

Der Wal­fang

In ark­ti­schen Regio­nen oder an der Nord­west­küs­te Ame­ri­kas war der Wal­fang lan­ge Zeit über­le­bens­wich­tig und kul­tu­rell tief ver­an­kert. Fels­zeich­nun­gen, die bis 7.000 Jah­re zurück­rei­chen, bele­gen eine kul­tu­rel­le und exis­ten­ti­el­le Bedeu­tung. Die Tie­re wur­den voll­stän­dig genutzt: Fleisch als Nah­rung, Kno­chen für Werk­zeu­ge und Behau­sun­gen, Tran und Haut für ver­schie­de­ne Zwe­cke wie Nah­rung, Medi­zin, Kon­ser­vie­rungs­stoff oder Brenn­stoff. Amu­let­te aus Kno­chen unter­strei­chen zudem den hohen spi­ri­tu­el­len Stel­len­wert der Wale in den Gemeinschaften.

Mit dem Beginn des kom­mer­zi­el­len Wal­fangs im 17. Jahr­hun­dert wan­del­te sich der Umgang mit den Tie­ren grund­le­gend. Euro­päi­sche und spä­ter ame­ri­ka­ni­sche Flot­ten jag­ten Wale sys­te­ma­tisch und in immer grö­ße­rem Umfang. Haupt­ziel war oft der Wal­speck, der als Brenn­stoff, Schmier­mit­tel und Roh­stoff für Pro­duk­te wie Sei­fe, Ker­zen oder Mar­ga­ri­ne dien­te. Der Wal wur­de zur rei­nen Res­sour­ce, oft ohne voll­stän­di­ge Ver­wer­tung der Tie­re. Nach rund 200 Jah­ren inten­si­ver Jagd waren vie­le Arten nahe­zu ausgerottet.

Der Wal als Roh­stoff und Produkt

Im 19. und 20. Jahr­hun­dert bra­chen die Wal­be­stän­de um bis zu 95 Pro­zent ein. Erst nach dem Zwei­ten Welt­krieg nahm die Nach­fra­ge ab, da Erd­öl­pro­duk­te zuneh­mend Wal­pro­duk­te ersetz­ten. Das Ver­bot des kom­mer­zi­el­len Wal­fangs, das vom Mora­to­ri­um der Inter­na­tio­na­len Wal­fang­kom­mis­si­on (IWC) ver­ab­schie­det wur­de, trat 1986 in Kraft.

Ein Bei­spiel für die indus­tri­el­le Nut­zung ist der bereits erwähn­te Wal­rat – die Sub­stanz aus dem Kopf­be­reich des Pott­wals, die zur Echo­or­tung dient. Um 1900 war sie ein begehr­tes Schmier­mit­tel, etwa für Uhren. Ihr eng­li­scher Name „Sperm oil“ ent­stand aus einem Irr­tum der Wal­fän­ger, die die­se Sub­stanz für Sper­ma hiel­ten. Auch der Name des Pott­wals selbst, „Sperm wha­le“, ver­weist dar­auf, wie stark das Tier auf sei­nen wirt­schaft­li­chen Nut­zen redu­ziert wurde.

Die indus­tri­el­le Wal­jagd hat­te gra­vie­ren­de Fol­gen: Sie ent­zog den Ozea­nen wich­ti­ge Nähr­stoff­ver­tei­ler und brach­te so mari­ne Öko­sys­te­me aus dem Gleichgewicht.

Gefähr­de­te Giganten

Die Situa­ti­on bleibt für Wale heu­te wei­ter­hin kri­tisch. Zwar wer­den sie weni­ger gejagt, doch Öl- und Gas­för­de­rung, indus­tri­el­le Fische­rei und zuneh­men­der Schiffs­ver­kehr gefähr­den ihr Über­le­ben. Kol­li­sio­nen, Unter­was­ser­lärm, Plas­tik­ver­schmut­zung und stei­gen­de Mee­res­tem­pe­ra­tu­ren set­zen den Tie­ren stark zu. Die „Gigan­ten der Mee­re“ blei­ben trotz Schutz­maß­nah­men nach wie vor gefähr­det. das schwächt das mari­ti­me Gleichgewicht.

Jus­ti­ne Czerniak

Justine Czerniak leitet den Sammlungsbereich Bauen und Wohnen mit dem Schwerpunkt Haushaltstechnik, kuratiert technik- und kulturhistorische Ausstellungen und steht dem Gremium „Sammlungs- und Ausstellungswerkstatt“ vor. Ein zentrales Interesse ihrer Arbeit liegt in der technikhistorischen Auseinandersetzung mit dem Anthropozän.