Wie Ozeangiganten zu reinem Rohstoff wurden

Wale sind faszinierende Lebewesen. Ihre Vorfahren lebten einst an Land und passten sich über Millionen Jahre dem Leben im Wasser an. Trotz ihres Lebens im Ozean über die letzten 40 Millionen Jahre sind sie Säugetiere geblieben, die zum Ein- und Ausatmen an die Meeresoberfläche schwimmen. Bartenwale zählen zu den größten Tieren, die je auf dem Planeten Erde existierten: Ein Blauwal beispielsweise kann bis zu 200 Tonnen wiegen.
Zur Kommunikation nutzen Bartenwale komplexe Gesänge, die sich über viele hunderte Kilometer ausbreiten können und der Kommunikation dienen. Diese gehören zu den lautesten und vielseitigsten Klängen im Tierreich. Zahnwale wie der Pottwal erzeugen Klicklaute zur Echoortung, mit denen sie ein akustisches Bild ihrer Umgebung erstellen. Pottwale nutzen dafür eine Substanz in ihrem Vorderkopf, den Walrat.
Dünger im Nährstoffkreislauf
Wale spielen eine zentrale Rolle im Ökosystem der Meere. Auf ihren langen Wanderungen transportieren und verteilen sie Nährstoffe zwischen den Ozeanen, beim Tauchen wirbeln sie diese auf. An der Oberfläche fördern ihre Ausscheidungen das Wachstum von Phytoplankton. Diese Mikroorganismen binden CO₂, produzieren mehr als die Hälfte des Sauerstoffs auf der Erde und bilden die Basis mariner Nahrungsketten. Auch nach dem Tod leisten Wale einen bedeutenden Beitrag: Ihre großen Kadaver versorgen die Tiefsee mit Nährstoffen und schaffen ganze Lebensräume. Vor dem industriellen Walfang war dieser ökologische Beitrag deutlich größer, weil es schlicht viel mehr Wale gab. Über die vergangenen Jahrhunderte hinweg wurden Wale jedoch massiv gejagt und viele Bestände nahezu ausgerottet.
Der Walfang
In arktischen Regionen oder an der Nordwestküste Amerikas war der Walfang lange Zeit überlebenswichtig und kulturell tief verankert. Felszeichnungen, die bis 7.000 Jahre zurückreichen, belegen eine kulturelle und existentielle Bedeutung. Die Tiere wurden vollständig genutzt: Fleisch als Nahrung, Knochen für Werkzeuge und Behausungen, Tran und Haut für verschiedene Zwecke wie Nahrung, Medizin, Konservierungsstoff oder Brennstoff. Amulette aus Knochen unterstreichen zudem den hohen spirituellen Stellenwert der Wale in den Gemeinschaften.
Mit dem Beginn des kommerziellen Walfangs im 17. Jahrhundert wandelte sich der Umgang mit den Tieren grundlegend. Europäische und später amerikanische Flotten jagten Wale systematisch und in immer größerem Umfang. Hauptziel war oft der Walspeck, der als Brennstoff, Schmiermittel und Rohstoff für Produkte wie Seife, Kerzen oder Margarine diente. Der Wal wurde zur reinen Ressource, oft ohne vollständige Verwertung der Tiere. Nach rund 200 Jahren intensiver Jagd waren viele Arten nahezu ausgerottet.
Der Wal als Rohstoff und Produkt
Im 19. und 20. Jahrhundert brachen die Walbestände um bis zu 95 Prozent ein. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Nachfrage ab, da Erdölprodukte zunehmend Walprodukte ersetzten. Das Verbot des kommerziellen Walfangs, das vom Moratorium der Internationalen Walfangkommission (IWC) verabschiedet wurde, trat 1986 in Kraft.
Ein Beispiel für die industrielle Nutzung ist der bereits erwähnte Walrat – die Substanz aus dem Kopfbereich des Pottwals, die zur Echoortung dient. Um 1900 war sie ein begehrtes Schmiermittel, etwa für Uhren. Ihr englischer Name „Sperm oil“ entstand aus einem Irrtum der Walfänger, die diese Substanz für Sperma hielten. Auch der Name des Pottwals selbst, „Sperm whale“, verweist darauf, wie stark das Tier auf seinen wirtschaftlichen Nutzen reduziert wurde.
Die industrielle Waljagd hatte gravierende Folgen: Sie entzog den Ozeanen wichtige Nährstoffverteiler und brachte so marine Ökosysteme aus dem Gleichgewicht.
Gefährdete Giganten
Die Situation bleibt für Wale heute weiterhin kritisch. Zwar werden sie weniger gejagt, doch Öl- und Gasförderung, industrielle Fischerei und zunehmender Schiffsverkehr gefährden ihr Überleben. Kollisionen, Unterwasserlärm, Plastikverschmutzung und steigende Meerestemperaturen setzen den Tieren stark zu. Die „Giganten der Meere“ bleiben trotz Schutzmaßnahmen nach wie vor gefährdet. das schwächt das maritime Gleichgewicht.