Am Ende einer lan­gen Leitung

Die Zapf­säu­le als zen­tra­le Schnitt­stel­le fos­si­ler Mobilität

Die Shell-Zapf­säu­le von 1928 ist eines der zen­tra­len Ele­men­te einer glo­ba­len Infra­struk­tur, die Mobi­li­tät neu orga­ni­sier­te und das 20. Jahr­hun­dert ent­schei­dend präg­te. Sie steht für Ver­spre­chun­gen einer Epo­che, die Geschwin­dig­keit und wirt­schaft­li­ches Wachs­tum eng mit­ein­an­der ver­band. Zunächst als Sinn­bild tech­ni­schen Fort­schritts und indi­vi­du­el­ler Frei­heit pro­kla­miert, wur­de das ben­zin­be­tank­te Auto­mo­bil in den Jahr­zehn­ten nach dem Zwei­ten Welt­krieg zum selbst­ver­ständ­li­chen Bestand­teil west­li­cher Wohl­stands­vor­stel­lun­gen und moder­ner Lebens­füh­rung. Ben­zin­zapf­säu­len gehö­ren zu den bei­läu­fi­gen Din­gen des All­tags. Man fährt mit dem Auto an sie her­an, tankt, bezahlt und fährt wei­ter. Doch eine Zapf­säu­le ist weit mehr als ein tech­ni­sches Ein­zel­ge­rät zur Betan­kung von Fahr­zeu­gen. Die Zapf­säu­le steht am Ende einer kom­ple­xen Lie­fer­ket­te, bestehend aus einem welt­um­span­nen­den Netz aus Öl-Bohr­fel­dern, Pipe­lines, Raf­fi­ne­rien, Tan­kern und Tank­stel­len, das die fos­si­le Ener­gie in unse­rem All­tag ver­füg­bar macht. Der Kraft­stoff, der an der Tank­stel­le gezapft wird, hat bereits tau­sen­de Kilo­me­ter zurück­ge­legt und zahl­rei­che tech­ni­sche Pro­zes­se durch­lau­fen. Die Zapf­säu­le mar­kiert damit die Schnitt­stel­le, an der glo­ba­le Roh­stoff­strö­me in eine all­täg­li­che Hand­lung über­ge­hen: das Tanken.

Von der Tie­fen­zeit in die Leitung

Erd­öl wur­de zu dem Ener­gie­trä­ger einer indus­tria­li­sier­ten Gesell­schaft schlecht­hin. Ob zu Ben­zin oder Die­sel ver­ar­bei­tet, hat das Erd­öl nicht nur eine lan­ge Rei­se, son­dern auch eine ungleich län­ge­re Ent­ste­hungs­ge­schich­te hin­ter sich. Es ent­stand über Mil­lio­nen Jah­re aus abge­stor­be­nem Plank­ton und ande­ren orga­ni­schen Res­ten, die unter Druck und Wär­me unter­ir­disch zu einem fos­si­len Roh­stoff wur­den. Erd­öl wird seit Mit­te des 19. Jahr­hun­derts in Mas­sen aus tie­fen geo­lo­gi­schen Schich­ten geför­dert. Es wur­de zum bil­li­gen Treib­stoff einer sich immer mehr beschleu­ni­gen­den Welt.

An der Zapf­säu­le begeg­nen sich Mil­lio­nen Jah­re Erd­ge­schich­te und das schnel­le Tan­ken für die nächs­ten Run­den all­täg­li­cher Mobilität.

Das Ver­spre­chen der fos­si­len Motorisierung

Men­schen nut­zen Erd­öl bereits seit Jahr­tau­sen­den in viel­fäl­ti­ger Form: zum Abdich­ten, als Sal­ben oder als Leucht­mit­tel. Sei­ne über­ra­gen­de Bedeu­tung als „schwar­zes Gold“ des Wohl­stands erhielt der Roh­stoff jedoch erst im 19. Jahr­hun­dert, als er zunächst als Leucht- und Schmier­mit­tel und spä­ter alter­na­tiv zur Koh­le als zen­tra­ler Ener­gie­trä­ger der Indus­tria­li­sie­rung geför­dert und ein­ge­setzt wur­de. Die Zapf­säu­le von 1928 steht damit genau an die­sem his­to­ri­schen Wen­de­punkt: Sie gehört zu der Epo­che, in der die Nut­zung fos­si­ler Ener­gie als Ver­spre­chen von Fort­schritt und Unab­hän­gig­keit ver­kauft wurde.

Das Erd­öl ist nicht das Problem

Den Roh­stoff selbst zum Ver­ur­sa­cher der heu­ti­gen öko­lo­gi­schen Kri­se zu erklä­ren, wäre viel zu kurz gegrif­fen. Erd­öl kennt weder Absich­ten noch Inter­es­sen. Die öko­lo­gi­schen Kri­sen ent­ste­hen nicht aus sei­nem Vor­kom­men, son­dern aus wirt­schaft­li­chen Maxi­men, poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen und gesell­schaft­li­chen Leit­bil­dern, die sei­ne För­de­rung und Nut­zung bestim­men. Nicht die Exis­tenz fos­si­ler Roh­stof­fe ist das Pro­blem, son­dern ein men­schen­ge­mach­tes Sys­tem, das ihre mas­sen­haf­te Extrak­ti­on und Ver­bren­nung über Jahr­zehn­te zum Motor von Mobi­li­tät, Pro­duk­ti­on und end­lo­sem Wachs­tum aus­er­ko­ren hat.

Vom Treib­stoff des Fort­schritts zum Sym­bol der Zerstörung

Die Nut­zung fos­si­ler Ener­gie­trä­ger greift auf Koh­len­stoff zurück, der vie­le Mil­lio­nen Jah­re gebun­den war, und setzt die­sen inner­halb weni­ger Gene­ra­tio­nen in sehr gro­ßen Men­gen in Form von Koh­len­di­oxid frei. Der Anteil der CO₂ Mole­kü­le an der tro­cke­nen Atmo­sphä­re ist im Ver­gleich zum vor­in­dus­tri­el­len Niveau (Wert um 1750) von etwa 278 ppm auf heu­te rund 420–430 ppm gestie­gen – ein Anstieg von etwa 54%. Die erhöh­te CO₂-Kon­zen­tra­ti­on in der Atmo­sphä­re ver­stärkt den anthro­po­ge­nen Treib­haus­ef­fekt und trägt damit zur glo­ba­len Erwär­mung bei.

In der Zapf­säu­le ver­bin­den sich sinn­bild­lich die Ver­spre­chen der Moder­ne in ihrer gan­zen Wider­sprüch­lich­keit: Frei­heit ver­sus Abhän­gig­keit, Fort­schritt ver­sus Zer­stö­rung, indi­vi­du­el­le Mobi­li­tät und die Idee unbe­grenz­ten Wachs­tums auf einem Pla­ne­ten mit end­li­chen Res­sour­cen und emp­find­li­chen natür­li­chen Kreis­läu­fen. Die Zapf­säu­le bil­det so gese­hen auch eine Schnitt­stel­le zwi­schen dem Fort­schritts­ver­spre­chen des 20. Jahr­hun­derts und den öko­lo­gi­schen Fra­gen des 21. Jahrhunderts.

Jus­ti­ne Czerniak

Justine Czerniak leitet den Sammlungsbereich Bauen und Wohnen mit dem Schwerpunkt Haushaltstechnik, kuratiert technik- und kulturhistorische Ausstellungen und steht dem Gremium „Sammlungs- und Ausstellungswerkstatt“ vor. Ein zentrales Interesse ihrer Arbeit liegt in der technikhistorischen Auseinandersetzung mit dem Anthropozän.