Dann prägt sie uns!
Infrastrukturen sind die Basis für wirtschaftliche Entwicklung, Sicherheit und Lebensqualität. Sie sind mal raumprägend, mal unsichtbar, dennoch Grundlagen und Lebensadern. Doch erst im Störfall kommt die Frage auf: Wie leistungsfähig, wie sicher und resilient sind unsere Infrastrukturen?

Messlatte und Arten der Infrastruktur
Wir alle kennen Städte mit alten Stadtmauern, Festungsanlagen oder historischen Versorgungsbauten, von Wasserspeichern bis hin zu Silos. Es sind Bauten, die Technik- und Ingenieurwesen als Ursprung der Infrastrukturplanung markieren. Der Begriff „Ingénieur(e) civile“ oder „Civil Engineer“, auf Deutsch BauingenieurIn, macht klar, dass „Infrastruktur“ früher – richtigerweise – als zivile Bau und Planungsaufgabe verstanden wurde.
Die Messlatte vieler Infrastrukturen ist zunächst ihre Verfügbarkeit. Ihre Bereitstellung ist ein Teil der staatlichen Daseinsvorsorge. Im täglichen Leben ist Infrastruktur ständiger Begleiter, ob als Wasser- und Energieversorgung, Mobilitätsstruktur, digitale Netze oder Versorgung mit Wohnraum, Kitas, Spielplätzen oder Krankenhäusern. Verfügbarkeit und Leistungsfähigkeit von Infrastruktur entscheidet oft mit darüber, ob sich Menschen oder Unternehmen in einer Region ansiedeln oder nicht. Gute Infrastruktur lässt Städte und Regionen nicht nur „technisch“ gut funktionieren. Sie wirkt auch sozio-kulturell. Belebte Innenstädte sind Ergebnisse guter Stadtentwicklung mit Infrastruktur.
Gut geplante und baukulturell ansprechende Infrastrukturbauten können die Identifikation der BürgerInnen mit ihren Lebensräumen stärken. Bahnhöfe etwa markieren Ankunftspunkte, sind echte Visitenkarten eines Ortes und bestimmen unseren ersten Eindruck vom Ort. Grundsätzlich gibt es drei Kategorien von Infrastruktur: institutionelle, technische und soziale. Die technischen und sozialen Infrastrukturen, hier relevant, umfassen nachfolgende Bereiche:
– Ver- und Entsorgung: Energieversorgung, Wasserverund Abwasserentsorgung, Müllentsorgung
– Mobilität: Erschließung und Transport (Verkehrswege und Mobilität in städtischen und ländlichen Räumen), Straßen und Schienen (Fernstraßen, innerörtliche Straßen, Schienen, Wasserstraßen), Verkehrsbauten (unter anderem Flughäfen, Häfen, Bahnhöfe, Parkhäuser, Tunnel, Brücken)
– Kommunikation und Digitales: Versorgung mit Internet, Mobilfunknetze, Postwesen und weiteres mehr
– Soziales: Versorgung mit Wohnraum, mit Einrichtungen für Gesundheit und Pflege, Bildung und Wissen, Freizeit, Kultur und Gemeinschaft
– Blau-grüne Räume: Versorgung mit Grünflächen, Parks sowie die Integration von Wasserflächen
– Kritische Infrastruktur (kurz KRITIS): Einrichtungen, die im Katastrophenfall nicht ausfallen dürfen, darunter Krankenhäuser oder zentrale Verkehrsknoten sowie Zivil- und Katastrophenschutz
Wie müssen Infrastrukturen sein – heute und zukünftig?
Infrastruktur kennt keinen automatischen Wiederholungsfaktor; sie kann nicht in jedem Ort identisch sein. Vielmehr geht es darum, ortsbezogen eine bauliche Skalierung sicherzustellen, die den ortsbezogenen Bedarf im Blick hat. Bauliche Skalierung bedeutet hier, dass etwa der Bahnhof einer Kleinstadt ein kleinerer sein muss, als der einer Großstadt, dass aber eine Erweiterbarkeit im Bestand bis zu einem gewissen Grad möglich sein muss, sollte der Bedarf wachsen, durch die Ansiedlung einer Hochschule oder eines Unternehmens. Es geht um Angemessenheit und Erweiterbarkeit. Das gilt grundsätzlich für alle oben genannten Kategorien.
Infrastrukturen müssen im Verbund leistungsfähig sein. Ein Kanalisationssystem etwa muss Starkregen bei Wetterextremen entsorgen können, oder es müssen zusätzliche Rückzugsräume, unterirdische Becken und Ähnliches vorhanden sein, um Regenwasser zunächst zu speichern und nur das Überschusswasser abzuleiten.
Infrastrukturen müssen sicher sein. Wie leicht und folgenreich der Anschlag auf die Stromversorgung in Berlin war, muss wachrütteln. Es zeigt, wie elementar sichere und stabile Energieversorgung ist, ob für Heizung in Wohnungen, Büros, Schulen und Pflegeheimen, oder für medizinische Geräte in Krankenhäusern. Deshalb haben manche Einrichtungen eine Notstromversorgung — aber viele eben nicht! Ohne Strom läuft nichts. Egal, ob Wärmepumpe oder Heizkessel, die Geräte benötigen Zündenergie per Strom. Jede Toilettenspülung hängt am anderen Ende an stromgetriebenen Pumpenwerken der städtischen Wasserentsorgung. Ohne Strom laufen keine Fahrstühle, keine Kassen in Supermärkten, irgendwann keine Handys und keine Computer – die Liste ließe sich weiterführen.

Nun mag man sich fragen, ob eine bloße Stromkabelbrücke im hochindustrialisierten und technisierten, bisweilen sicheren Deutschland als derart gefährdete kritische Infrastruktur anzusehen ist. Ja, das ist sie! Der Schutz kritischer Infrastrukturen, bisher politisch verschlafen, ist in diesen Zeiten besonders ernst zu nehmen. Dabei geht es darum, im Katastrophenfall eine Art Grundresilienz zu haben, Chaos zu verhindern und Menschenleben zu retten. Das gilt übrigens egal, wodurch der Katastrophenfall ausgelöst wird, ob durch Anschläge oder Wetterextreme wie Hitze oder Flut, ob „nur“ regulär oder verstärkt durch den Klimawandel.
Beim Schutz kritischer Infrastruktur ist zu unterscheiden zwischen dem Schutz der Bauwerke selbst, dem Schutz ihrer Funktion, sowie dem Schutz der digitalen und – oft vergessen – der sozialen Infrastruktur.
Der Schutz von Bauten, wie Brücken, Umspannwerken und Krankenhäusern bedeutet etwa, dass sie Belastungen im Katastrophenfall standhalten, etwa durch Orkane, Überschwemmungen, Explosionen, Hitze und so weiter. Wir erinnern uns an die Ahrtalflut, sich lösende Betonplatten auf Straßen bei Hitze, Hitzewellen im letzten Sommer bei kaum vorhandenen Trinkwasserbrunnen im öffentlichen Raum. Es geht etwa darum, dass Bauwerke und ihre tragenden Bauteile nicht einstürzen, zumindest bis Menschen evakuiert sind. Dieser Schutz findet je nach Bereich über Statik, Hochwasserschutz oder Brandschutz statt. Mit Blick auf die Energieinfrastruktur, die heute größtenteils frei liegt, müssen wir neu denken. Vereinfacht ausgedrückt: Darf man leicht an wichtige Knotenpunkte für Energie, Wasser oder Digitales kommen? Es geht um Zugänglichkeit, und ja, auch um Überwachung neuralgischer Knotenpunkte.

Der funktionelle Schutz bedeutet, dass beim „Funktionsausfall“ Ersatz schnell greift, über eingebaute Alternativen, sogenannte Backups. Im Fall Berlin war die Stromversorgung engmaschig und in Ringstrukturen aufgebaut, so dass beim Ausfall eines einzelnen Systems ein Backup möglich wäre. Offenbar wurden aber mehrere Systeme gleichzeitig oder in Folge beschädigt. Jedenfalls muss das Energiesystem besser geschützt werden. Beim zunehmend dezentralen Energiesystem sollte Resilienz eigentlich besser gelingen. Wie kann es aber sein, dass man „nur“ reparieren musste und das Tage dauert? Dezentralität darf am Ende nicht bedeuten, dass jedes Quartier mit seiner Stromversorgung „für sich allein“ steht, sondern auch, dass Abhilfe schnell und möglich ist. Warum? Weil dezentrale Systeme räumlich betrachtet kurze Distanzen in der Struktur aufweisen, und auch dadurch Flexibilität bieten sollten.
Modernisierungsstau als Chance?
Derzeit besteht ein hoher Modernisierungsstau bestehender Infrastrukturen, insbesondere bei Straßen und beim Bildungsbau, sowie ein hoher Ausbaubedarf von Energienetzen, Schienen und digitaler Infrastruktur. Daraus leiten sich auch einige Aufgaben und Synergieeffekte für die Zukunft ab.
Infrastrukturen müssen klima(wandel)gerecht sein. Es geht darum, zentrale Versorgungseinrichtungen gegen durch den Klimawandel verstärkte Wetterextreme abzusichern, und darum, dass etwa die Straßenbahn fährt und Krankenhäuser Menschen weiter versorgen. Konkret bedeutet das, dass etwa Brückenpfeiler nicht inmitten reißender Flüsse stehen dürfen, Krankenhäuser üblicherweise über eine eigene Notfallenergieversorgung verfügen müssen, Versammlungshallen erreichbar bleiben müssen und so weiter. Auch in diesem Zusammenhang steht ein Stadtumbau an. Unsere Lebensräume, ob Stadt oder Dorf, müssen wasser- und hitzesensibler werden, Stichwort Schwammstädte. Dabei ist die grün-blaue Infrastruktur essenziell. Grünflächen, integrierte Mulden im Stadtbild, hitze- und trockenheitsresiliente Bäume, Schattenplätze, Wasser im Stadtbild, kluge Material- und Farbauswahl, Grün an Dach und Fassade und vieles mehr leisten einen Klimabeitrag im positiven Sinne. Sie helfen, den Außenraum auch an heißen Tagen zu kühlen, somit auch den Energieaufwand für Kühlung zu sparen, CO2-Emissionen zu binden beziehungsweise den Boden gegen Starkregen zu stabilisieren und die Kanalisation zu entlasten. Es sind Maßnahmen, die sowohl auf den Klimaschutz als auch auf die Klimaanpassung einzahlen.

Gleichzeitig sollten Infrastrukturbauten räumlich und städtebaulich integriert sein. So lässt sich die belebte Hafentribüne und ‑promenade in Hamburg erst beim zweiten Blick als riesiger Schutzwall gegen Sturmflut erkennen. Sie erfüllt technisch eine Schutzfunktion, sozial ist sie ein Freizeitraum.
Unsere Energiewende krankt nicht nur wegen politischer Fehler in Sachen Energieangebot, Fokus auf Strom und fehlender Speicherkapazitäten an Akzeptanz. Ihre bisherige Umsetzung begnügt sich mit dem Bau der Anlagen, integriert diese aber nicht. Vereinfacht formuliert: Windrad dort, PV-Anlage hier – je größer, je mehr davon, desto besser. Eine urbane, räumlich und städtebaulich integrierte Energiewende ist noch nicht im politischen Bewusstsein angekommen. Genau das wäre aber notwendig, um eine selbstverständliche Akzeptanz zu schaffen. Fassaden, die automatisch Solarstrom produzieren, ohne dass die Module zu erkennen sind, Stadtteile, die über solarthermische Speicher verfügen, integrierte Abwärmenutzung und weiteres mehr sollten Teil einer klugen Energieinfrastruktur sein.
Infrastrukturen müssen idealerweise langlebig sein. Oft geht es um Bauten, die den öffentlichen Raum stark prägen und große Investitionen erfordern. Auch wenn es nicht ohne Ersatzneubauten gehen wird: Aufgrund der Ressourcenknappheit, des Fachkräftemangels und des strukturellen Wandels, lohnt es sich, Bauten und Strukturen nicht voreilig abzureißen und zu ersetzen, sondern schrittweise weiter zu entwickeln und an den sich verändernden Bedarf, den Klimawandel oder neue Nutzungen anzupassen.
Speziell Infrastrukturen für Mobilität und Transport erlebten durch die Industrialisierung einen Boom. Mobilität ist Grundrecht, die Basis für soziale Teilhabe und wirtschaftliche Entwicklung. Allen Menschen ist zu ermöglichen, mobil zu sein, ob an Land, zu Wasser oder in der Luft – regionale Unterschiede inklusive und ohne die eine gegen die andere Option populistisch zu überladen. Zukunftsfähige Mobilität ermöglicht jedem Menschen, schnell, sicher, bezahlbar und ökologisch von A nach B zu kommen.
Infrastrukturen des individualisierten Verkehrs nehmen indes vergleichsweise viel Fläche ein – so sehr, dass die Kritik nicht von der Hand zu weisen ist, dass diese im Alltag zu Barrieren wurden – für Kinder, Fußgänger und ältere oder eingeschränkte Menschen. Hier gilt es in der Zukunft, die Menschen wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Während in Städten kurze Wege etabliert werden sollen, Stichwort „Stadt der kurzen Wege“, etwa durch kompakte Strukturen, gemischte Nutzungen und Ähnliches brauchen ländliche Räume angepasste Lösungen.

Unser Energie- und Mobilitätssystem wird dezentraler und digitaler. Erstes reduziert, zweites erhöht seine Verletzlichkeit. Bereits heute benötigen viele Prozesse eine kuratierte, informationsbasierte Organisation. Und sollte die „Zukunft“ digitaler werden, ist genau das auch ihr verwundbarster Punkt. Als solche wird auch ihre „Infrastruktur“ früher oder später als Informationsnetz sichtbar werden und damit: angreifbar. Binnen Sekunden ließe sich ihre Versorgung folgenschwer lahmlegen. Das ist kein Grund, Digitalisierung oder Künstliche Intelligenz zu verteufeln, sondern ihre Innovationskraft zu nutzen. Egal, wogegen wir uns in der Zukunft wappnen müssen, entscheidend ist auch die Resilienz unserer digitalen Infrastruktur.
Interesse für Infrastruktur wecken
Und schließlich ein sozialer Aspekt: Auch die Anpassung insbesondere der Mobilitätsinfrastruktur an eine alternde Gesellschaft sowie die Etablierung von Barrierefreiheit ist eine wichtige Aufgabe. Oft lautet die Kritik, das sei alles nicht finanzierbar. Losgelöst von allen Maßnahmen mag das zutreffen, aber als Teil eines Modernisierungsprozesses ist es meines Erachtens machbar. Voraussetzung ist, sich einzugestehen, dass es tatsächlich um einen Prozess geht, der Zeit, Ressourcen, Einsicht und nicht zuletzt auch FürsprecherInnen und ein öffentliches Interesse braucht.
Wie schafft man aber nachhaltiges Wissen, Wertschätzung, Verständnis und eine Kultur des Öffentlichen und der damit verbundenen Komplexität? Der Begriff „Stadtbau“ ist hier das Stichwort. Früher kaum an Hochschulen wegzudenken, verschwand das Thema in den vergangenen Jahren aus der gesamten Ausbildungsund Bildungsszene, inklusive Hochschulen. Genau hier liegt eine bildungspolitische Aufgabe, um Infrastruktur als Basis funktionierender Gesellschaft und Wirtschaft ins öffentliche Bewusstsein zu rücken – und nicht nur für Museen oder als Schwerpunkt dieses wunderbaren Heftes. Ich wünsche eine schöne Lektüre!