Fahrrad und Plakat im Fin de Siècle
Das Deutsche Technikmuseum verwahrt eine Sammlung von über siebzig Fahrradplakaten aus der Zeit um 1900. Sie sind Zeugnisse einer Epoche, in der nicht nur das Fahrrad als neues Verkehrsmittel für großes Aufsehen sorgte, sondern auch das Plakat das Bild der Städte gravierend veränderte.
Beide Produkte waren höchst modern und um beide entstand ein regelrechter Boom. Plakat und Fahrrad beeinflussten sich gegenseitig. Ernest Maindron meinte 1896 sogar, „daß die hohe Zahl illustrierter Plakate dem Fahrrad zuzuschreiben“ sei.1 Sowohl das Fahrrad als auch das Plakat standen symbolisch für das Fin de Siècle. Diese Zeit war aufgrund der großen allgemeinen Veränderungen einerseits durch eine Aufbruchsstimmung und Zukunftseuphorie, andererseits durch eine diffuse Zukunftsangst gekennzeichnet – vor allem in Frankreich.
Die Fahrradplakate geben aber auch Einblick in zwei aufstrebende Industrien. Die Exemplare der Sammlung bewerben Fahrräder von über vierzig Hersteller- und Zulieferfirmen. Aiglon, Cottereau, Gladiator, Phebus, Plasson oder Rochet stehen exemplarisch für eine Vielzahl an Unternehmen, die euphorisch in die Fahrradproduktion eingestiegen waren, sich aber oft bereits nach wenigen Jahren nicht mehr halten konnten. Gleichzeitig sind die Plakate Beispiele für den immensen Bedarf an Drucksachen, der durch die zunehmende Industrialisierung entstanden war. Dreißig verschiedene Druckereien allein aus Paris sind vertreten.


Lithografie, circa 1904
Imp. Lemercier, Paris
Ernest Vulliemin (1862-1902)
Die Avantgarde war von Plakat und Fahrrad besonders fasziniert. Plakatkünstler:innen waren Stammgäste in den neuen Velodromen und dekorierten ihre Ateliers und Wohnungen mit Plakaten. Die Sammlung des Deutschen Technikmuseum beinhaltet Entwürfe von dreiunddreißig Künstlern und zwei Künstlerinnen sowie einige Plakate, deren Urheber:innen unbekannt sind. Die größte Zahl an Fahrradplakaten entwarf Jean de Paléologue (PAL), der sich vor allem mit allegorischen Motiven und der Darstellung leicht bekleideter Damen einen Namen gemacht hatte. Er arbeitete vor allem für die Druckerei von Paul Dupont und für Caby et Chardin. Für andere, wie die Künstler Édouard Vuillard, Georges Bottini und Manuel Robbe bedeuteten ihre Fahrradplakate ihren einzigen Exkurs in das Werbemedium.
Bis zur Jahrhundertwende sind für das Fahrrad mehr Plakate produziert worden als für jede andere Ware. Sie hingen an Stadtmauern, Markthallen oder über den Schaufenstern der zahlreichen Fahrradhändler. Schnell waren sie auch bei den Sammler:innen gefragt. Am 1. März 1895 schrieb ein Mitarbeiter von „Cycles Clément“ an den Plakathändler Edmond Sagot, dass man sich angesichts der außerordentlich großen Nachfrage entschieden habe, Clément-Plakate zum Stückpreis von zehn Francs an Interessierte zu verkaufen.2 Die Fahrradhersteller profitierten ungemein von den Plakaten, denn sie lieferten potenziellen Kund:innen die Bilder zu den Emotionen und Träumen, die ihr Produkt ermöglichen sollte.


Lithografie, 1895
Imp. Lemercier, Paris
Anonym
Bemerkenswert ist die enorme Diversität der Entwürfe. Die Firmen engagierten Künstler:innen im ständigen Wechsel und bewarben ihre Fahrräder dadurch mal mit Motiven in reinstem floralem Jugendstil, mal mit eindrücklichen allegorischen und mythologischen Darstellungen oder idyllischen Landschaftsszenerien. Konzepte wie die Markenbildung oder der Wiedererkennungseffekt hatten noch keine Relevanz. Wichtig war vor allem die befreiende Funktion des Fahrrads und ein Gefühl von Fortschritt, Freiheit und Selbstbestimmung zu vermitteln. Es ging um die Atmosphäre, nicht um die Maschine. Dementsprechend ist das Fahrrad als technischer Gegenstand oft nur zum Teil oder ungenau dargestellt. Speichen wurden gerne weggelassen, Rahmenformen stark verfälscht. Erst ab 1910, als das Fahrrad eine wesentlich größere Verbreitung erreichte, wurden die individuellen Merkmale in der Regel auch in der Reklame exakt dargestellt.3
- Rennert, Jack: 100 Jahre Fahrrad-Plakate: eine Sammlung von 96 Reproduktionen, Rembrandt Verlag, Berlin 1974, S. 3. ↩︎
- Weill, Alain: The Art Nouveau Poster, Francis Lincoln Limited Publishers, London 2015, S. 31. ↩︎
- Rauck, Max J.B.; Volke, Gerd; Paturi, Felix R: Mit dem Rad durch zwei Jahrhunderte – Das Fahrrad und seine Geschichte, AT Verlag, Aarau 1979, S. 204. ↩︎